|

Foto © Roland Krauss
Freilich sind Vergleiche zwischen bildender Kunst und Literatur unangebracht, ein Maler ist kein Literat. Und doch: Würde man die frühen Arbeiten von Franco Kappl als opulent auswildernde Experimentalromane lesen, dann die aktuellen Bilder als informelle (Ver-)Dichtungen, als poetische Beschreibungen einer Welt hinter der Welt hinter der Welt. Gegenstandslos, immer. Formlos, nie.
Way out in the Wilderness, heißt also Kappls aktuelle Ausstellung in der Wiener Galerie Ulysses. Verwirrend irgendwie, und, ja, das passt. Denn verwirrend im besten Wortsinn ist Kappls Malerei immer schon gewesen. Auch wild war in Franco Kappls Künstlerkarriere vieles: sein Leben sowieso, aber auch seine Farbräusche, die er mit wilder Malerpratze auf die Leinwand klatschte. Diese Wildheit ist seit etlichen Jahren allerdings hypersensiblen Formstudien gewichen. Kappl beschäftigt sich – und uns, die Betachter seiner Bilder - mit dem Unter- und Hintergründigsten der Malerei, mit jener rätselhaften, inneren Wahrheit, die nur die Kunst vermitteln kann. Oder, wie Mark Rothko (1903-1970), Meister des abstrakten Expressionismus, sagte: „Ein Bild malen bedeutet nicht, die eigene Persönlichkeit auszudrücken. Es ist, wie jede andere Kunst, eine Sprache, mit der man etwas Bestimmtes über die Welt aussagen möchte.“

Kappl, der zunächst an der Wiener Akademie der Bildenden Künste bei Arnulf Rainer, später am Royal College of Art in London studierte, malt, um die Malerei zu erforschen: Raum, Fläche, Hell, Dunkel, Licht, Schatten, Farbe, Form, Proportion, Perspektive, Zeit. Oder, in seinen Worten: „Den Gestzen der Malerei folgen, um sie außer Kraft zu setzen und sie neu zu erfinden.“
Also hat der 1962 in Klagenfurt geborene Künstler seine ureigene Grammatik entwickelt, ein Vokabular aus Codes und Kürzeln, feinnervigen Strichen, abrupten Schlenkern, hauchdünnen Schleiern, verheißungsvollen Farbspuren. Er, der Weltenfinder und Weltenbildner, öffnet den Raum der zweidimensionalen Leinwand in jenes unbekannte Universum, das zu erforschen der Kunst obliegt. Scherenschnittartig scheinen sich filigrane Formen aus weißen oder schwarzen Untergründen an die Oberflächen zu bohren.Tatsächlich aber grundiert Franco Kappl die Leinwand mit schlierigen Farbkompositionen. Und versenkt diese geheimnisvollen Untergründigkeiten hinter weißen, schwarzen, grauen Übermalungen. Schafft räumliche Tiefen aus Schatten und Licht. Lässt Spurenelemente der farbigen Grundierung frei, hauchdünnes Lila, zartes Orange, Ocker, Grün. Amorphe Knödeln, nervöse Schlangenschlitze, scharfkantige Formen geben den Blick frei bis auf den Ur-Mal-Grund, in eine Welt hinter der Welt. „Der Künstler hat grafische Fährten in schmutzigem Weiß auf die rauchig-erdigen Farbebenen geschleudert“, hat Florian Steiniger, Direktor der Kunsthalle Krems, einmal den Entstehungsprozess von Kappls Bildern skizziert.

Franco Kappl, der übrigens 1987 den Max-Weiler Preis gewann und 1994 der erste Strabag-Kunstpreisträger war, ist keiner, der dem Markt, seinen Gesetzen und Begehrlichkeiten allzuviel Bedeutung oder Aufmerksamkeit beimisst. Was ihn interessiert, ist die Kunst, die Malerei, die Gleichzeitigkeit von definierter Struktur und dynamischem Duktus, von Planung und Zufall, Bewegung und Innehalten. Titel sind, wenn er denn seine Bilder überhaupt betitelt, jedenfalls eher Rätsel als Sehhilfe. Klare Fragen und Antworten sind in der Malerei nicht zu finden, man sollte jeder Kunst, speziell auch jener Franco Kappls, sowieso zunächst mit Ratlosigkeit gegenübertreten.

Wandel und Widerspruch, Setzung und Widersetzung zeichneten seinen künstlerischen Weg. Ausgangspunkt seiner Malerei ist nie ein Gegenstand, immer eine künstlerische Idee. Sein Stil, sagt Kappl, sei abstrakt, „eine Malerei, die amorphe Formen aus der Leinwand schält.“ Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) sprach in seiner „Phänomenologie der Wahrnehmung“ vom Stil der Bewegungen und vom Denken des Leibes: "Malen ist Bewegung....Indem der Maler der Welt seinen Körper leiht, verwandelt er die Welt in Malerei.“
© Andrea Schurian
|