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Mai-Thu Perret

Portrait of a woman

bildGALERIE THOMAN WIEN
 24.09. - 26.11.2022



Eröffnung: 23. September 2022, 18 Uhr


Mai-Thu Perret, Minerva II, 2022, glazed ceramic, 152 x 60.5 x 85 cm

In ihrer Einzelausstellung „Portrait of a woman“ präsentiert die Schweizer Künstlerin Mai-Thu Perret neue Keramiken, Textilarbeiten sowie Arbeiten auf Papier, mit welchen sich ein Referenzrahmen aus Mythologie, Kunstgeschichte und Kunsthandwerk öffnet. Ihre Werke zeichnen sich insbesondere durch eine Aktualisierung der zahlreichen Bezüge aus, die als feministische Gegenerzählung gelesen werden kann, und hinterfragen symbolische, utilitäre und genderspezifische Materialzuschreibungen.
Die zentral präsentierte Keramikskulptur „Minerva II“ (2022) stellt die römische Göttin des Handwerks, der Weisheit und der schönen Künste dar. Als Vorbild diente Perret eine antike Statue aus dem Palazzo Massimo in Rom, von der sie mittels eines 3D-Scans ihre eigene Version in Keramik anfertigte. In dieser ergänzte sie den lebensgroßen Körper der Originalfigur aus der klassischen Mythologie mit einem neuen Gesicht, das von Perrets Schwägerin stammt, die halb europäische und halb afrikanische Herkunft besitzt. Es findet eine gegenwartsbezogene Transformation der antiken Gottheit statt, in der sich unterschiedliche Körperfragmente und Zeithorizonte verbinden, wodurch Perret auf den Wandel von Weiblichkeitsbildern verweist. Die surreale blaue Farbigkeit der Skulptur führt gleichzeitig eine Abstraktionsebene ein, welche eindeutige Zuschreibungen oder eine reale Verortung der Figur in Frage stellt. Als symbolische Begleitung steht der Minerva eine ebenfalls blau glasierte Eule aus Keramik in der Ausstellung an der Seite.
Seit 2003 arbeitet Perret für zahlreiche Werkserien mit Keramik, einem Material, das sich durch seine unmittelbare Modellierbarkeit auszeichnet und für viele Gebrauchsgegenstände aus dem Alltag Verwendung findet. Mit einer Gruppe neuer Keramikarbeiten zeigt die Künstlerin unterschiedliche Varianten von Gefäßen, Vasen und Schalen. Sie verwendet dafür eine Aufbautechnik ohne Töpferscheibe, was besonders nachvollziehbar wird anhand des im Kreis geschichteten Tons von „If this were the offspring of a phoenix, it would not be hanging around in those places“ (2022). Den Prozess der Herstellung und Gestaltung legen auch deutlich sichtbare Fingerabdrücke offen. Als skulpturale Objekte im Raum erwecken sie zusammen präsentiert aufgrund der Farben der Glasuren sowie durch vereinzelte dekorative Elemente aus Vögeln den Eindruck einer Landschaft. Daneben zeigt eine Reihe von Aquarellen weitere Gefäßtypen: Die Gläser und Becher gehören zu einer Tee-Zeremonie und rufen eines der bekanntesten Werke Perrets ins Gedächtnis, die begehbare Teekanne „Little Planetary Harmony“ (2006).

Der Wandteppich „Vertical-horizontal composition“ (2015) zeigt ein geometrisches Muster in den Farben Türkis, Pfirsichfarben und Schwarz und ist eine Hommage an die Schweizer Künstlerin Sophie Taeuber-Arp (1889–1943). Ihr Referenzwerk trägt den gleichen Titel und entstand fast genau hundert Jahre zuvor. Während Taeuber-Arps Leitung der Textilklasse an der Zürcher Kunstgewerbeschule (1916–1929) unterrichtete sie mit der Überzeugung, dass sich Kunst, Gestaltung, Handwerk und Alltag auf schöpferische Weise verbinden ließen – ein Ansatz, der auch in Perrets Werken anklingt. Für den drei Meter hohen Gobelin fertigte Perret zunächst eine kleine Gouache an, deren Pinselstriche in der handgewebten Ausführung noch erkennbar sind. Der Zeichenprozess und die Pinselführung treten in den mit Silberfaden gewebten Teilen besonders hervor und fügen der geometrischen Komposition einen persönlichen, gestischen Akzent hinzu. Perret setzte sich bereits in frühen Arbeiten, wie in ihren Malereien auf Sperrholz, mit rhythmisch-geometrischer Abstraktion sowie mit dem Konstruktivismus und Bauhaus Design auseinander.

Der Titel der Ausstellung lässt sich auch mit dem bekannten Roman „The Portrait of a Lady“ (1881) von Henry James assoziieren. Die Künstlerin studierte Englische Literatur an der Cambridge University bevor sie sich der bildenden Kunst zuwandte. Literarische Texte stellen jedoch bis heute einen wichtigen Bezugspunkt für ihre Werke dar, die sich am besten vor dem Hintergrund einer von Perret selbst verfassten Erzählung verstehen lassen: „The Crystal Frontier“ (1999) beschreibt wie eine kleine Gruppe von Frauen aus der Großstadt der Aktivistin Beatrice Mandell in eine abgelegene Kommune namens „New Ponderosa“ in die Wüste New Mexikos folgen. Einzelne Textfragmente bilden eine multi- perspektivische, assoziative und unvollendete Geschichte, die sich mit Kapitalismuskritik sowie feministischen und utopischen Fragestellungen beschäftigt. Eine wesentliche Tätigkeit für die Mitglieder der Gruppe ist die Herstellung kunsthandwerklicher Objekte, wodurch die Fiktion direkt in die Realität mit den Objekten im Ausstellungsraum überführt werden kann.
Einige der in Innsbruck präsentierten Werke waren zuvor in Mai-Thu Perrets Einzelausstellung „Real Estate“ (2022) im Istituto Svizzero in Rom ausgestellt.
Text von Madeleine Freund