Ausstellungsliste nach Galerien
 Ausstellungsliste nach Künstlern

Ashley Hans Scheirl

Petrol M*other


Galerie Crone
 13.05. - 14.06.2026

 

Eröffnung: 12. Mai 2026, 18 - 21 Uhr


bild

Wir freuen uns sehr, die Ausstellung „Petrol M*other“ von Ashley Hans Scheirl in unserer Wiener Galerie präsentieren zu dürfen. Nach der großen Retrospektive im Belvedere 21 und der Teilnahme an „Lebt und arbeitet in Wien“ in der Kunsthalle Wien stellt Scheirl einen völlig neuen Werkkomplex vor, der sich mit der Identitätsfrage des Individuums im technoiden, kapitalistischen, künstlich intelligenten Universum befasst.

Die neuen Bilder von Ashley Hans Scheirl in der Ausstellung „Petrol M*other“ knüpfen thematisch an frühere Arbeiten an, entwickeln diese jedoch in einer neuen Werkgruppe weiter. Ein hervorstechendes Motiv sind Kräne, die bereits in Scheirls bisherigen Arbeiten – von Malerei bis hin zu kinetischen Bricolagen – zu finden waren.

Während Kräne historisch mit Industrialisierung und der Ingenieurskunst der Moderne verbunden sind (etwa bei Fernand Léger oder Charles Sheeler), dienen sie bei Scheirl vor allem als Metaphern für Drehung, Veränderung und Grenzüberschreitung. Sie stehen für schlingernde Bewegung, ein Ausgreifen in den Raum, für Schwingen, Drehen, Wenden und Heben, mit anderen Worten für den Übergang von der Fläche in den Raum, von der Illusion in die Installation, vom Malen zum Übermalen. Ebenso erscheinen Bohrtürme und andere industrielle Anlagen, die ebenfalls zu Trägern von übertragenem Sinn werden. Rohre und Kanäle wirken wie innere Gefäße, Flüssigkeiten tropfen, technische Konstruktionen gleichen Organen, Leitungen erinnern an Gedärme, während umgekehrt das Körperliche etwas Konstruiertes, beinahe Maschinelles annimmt.

Die Ölplattformen, die um Zahlenreihen und Börsendaten aus der „Financial Times“ ergänzt werden, entnimmt Scheirl dem Duden 'Bildwörterbuch'. Sie werden gescannt und anschließend im Plakatdruck auf Papier übertragen. Öl steht dabei in enger Verbindung mit den Dynamiken der Moderne, heute freilich vor allem für die Ausbeutung der Natur und die Klimakrise, bei Scheirl jedoch auch für kapitalistisches Gewinnstreben wie für körperliche Flüssigkeiten. Öl spritzt, fließt, verschmutzt, wirkt wie eine unliebsame Ausscheidung und hinterlässt Spuren. Zugleich – und das ist entscheidend – verweist es auf die Malerei selbst.

Denn das Öl wird im Bild nicht nur thematisch behandelt, sondern verweist auf das malerische Material. Während in früheren Arbeiten das Erdöl immer wieder zum Thema wurde, waren sie in Acryl ausgeführt. Im Unterschied zu Ölfarben wird das Bindemittel für Acrylfarben aus Erdöl gewonnen. Ölfarben bestehen dagegen aus pflanzlichen Ölen. In der neuen Werkserie, die in der Galerie Crone unter dem Titel „Petrol M*other“ gezeigt werden, verwendet Scheirl Ölfarbe in Form von Oilsticks.

Scheirl berichtet, dass sie die langjährige Praxis des digitalen Entwurfs hinter sich lassen wollte. Motive wurden zuvor meist im Verhältnis eins zu eins auf die Leinwand übertragen. Anders sei es kaum möglich gewesen, komplexe Bildideen zu entwickeln. Am Monitor wurden Anordnungen erprobt, ebenso die für Scheirl typischen Bruchstücke isoliert und surreale Koexistenzen eröffnet. In der neuen Werkgruppe, besonders in den kleineren Formaten der Serie (je 42 × 30 cm), entstehen die Kompositionen hingegen „im Machen“, also in einem direkteren, analogen künstlerischen Prozess. Die größeren Bilder bauen wiederum auf diesen kleineren auf, die ihnen als Notate, Vorzeichnungen und Exzerpte dienen.

Neu ist auch der Bildträger. Ausdrucke der aus dem Bildwörterbuch-Duden entnommenen Abbildungen werden auf Holz geklebt. Scheirl betont, dass diese Technik – wider Erwarten – Korrekturen ermöglicht, nicht nur Übermalungen, sondern auch das Entfernen einzelner Partien. Die Komposition bleibt somit veränderbar. Partien können gelöst, verschoben oder abgenommen werden. Dadurch gewinnt der handwerkliche Prozess an Gewicht.

Die Arbeitsweise wird auch noch in anderen Aspekten sichtbar. Während Scheirl bislang Effekte der räumlichen Täuschung in die bildliche Organisation einbrachte, treten hier Zeichen in das Spiel, Markierungen und bildhafte Kürzel. Sie bestehen aus Materialien, deren Verschiedenheit starke Kontraste bilden: Extra-matte Kohleschraffuren stehen neben mit Glanzmarkern übermalten Pastositäten. Über das Durchscheinen transparenter Schichten eröffnen sie unerwartete Wirkungen. Motive zeigen sich subkutan, buchstäblich wie Schimmer unter der Haut.

Manche dieser Markierungen wirken wie Signets, andere wie Körperfragmente, wieder andere wie Satzzeichen, als Hinweise, Klammern oder Einschübe. Sie verweisen auf Körper und Sexualität ebenso wie auf den Einsatz von Sprache, die insbesondere im Kontext von Queerness Prozesse der Adaption und Mutation einfordert.

Dass Mehrdeutigkeit und Veränderung eine bedeutsame Rolle spielen, zeigt sich unter anderem in einem Verweis auf die bekannte Zeichnung von Ludwig Wittgenstein, das sogenannte Hasen-Enten-Bild. Scheirl zitiert dieses Motiv als Silhouette vor einem Bohrturm und über einem Kanal, verbunden mit einem dicht behaarten Kopf. Das Augenmerk liegt auf dem Vexiereffekt. Was eben noch als Maschine erscheint, wird plötzlich als Körper lesbar, was wie ein Körperteil wirkt, verwandelt sich in eine abstrakte Formation.

Besonders hervorzuheben ist die Zeichnung, die sich als bildnerische Qualität in die Gemälde einschreibt. In allen Bildern finden sich dichte Linien, in Farbe ebenso wie vor allem in Grau und Schwarz. Es sei, so Scheirl, „erotisch“, mit feinen Spitzen zu arbeiten, mit unterschiedlichen Härtegraden des Blei- oder Farbstifts, aber auch mit Marker, Kreiden und Pastellstiften. Es wird weniger die Fläche betont als vielmehr die Linie als Kontakt mit der Fläche.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Scheirl in dieser Werkgruppe Bilder nicht als abgeschlossene, durchkomponierte Flächen versteht, sondern als einen offenen, körpernahen und vor allem experimentellen Raum. In diesem überlagern und verschränken sich Material, Motiv und Bedeutung fortwährend miteinander. Zwar sind technische Zeichnungen den Arbeiten unterlegt, doch richten sich die Bilder letztlich auf den Körper – einen Körper, dessen vermeintliche Identität sich unter den Wirkungen von Begehren und Mutation beständig entzieht.

Thomas Trummer
Direktor, Kunsthaus Bregenz

Ashley Hans Scheirl (*1956, Salzburg), studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien und am Central Saint Martins College in London. Sie stellte in den letzten Jahren u.a. auf der documenta 14 Athen/Kassel, im Künstlerhaus Graz, im Kunsthaus Bregenz, auf der Biennale de Lyon, der Biennale di Venezia, im Pariser Palais de Tokyo und in den Hamburger Deichtorhallen aus. 2025 folgte die erste große museale Personale im Wiener Belvedere 21. Kürzlich wurde sie zusammen mit ihrer Partnerin Jakob Lena Knebl mit dem Oskar-Kokoschka-Preis ausgezeichnet.