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Franco Kappl

SUPERNAKED

Galerie Ulysses
 04.11. - 23.12.2021

 
 
 

Franco Kappl, ein malerischer (Ver-)Dichter

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Für Innen, 2021
Acryl auf Leinwand, 180 x 145 cmFoto: Roland Krauss

Mit wilder Malerpratze und großer Geste über die Leinwand dahingefetzte Farbräusche, das war einmal. Nun legt sich dünnhäutiges Weiß sanft darüber. In der Wiener Galerie Ulysses zeigt Franco Kappl hypersensible Formstudien, filigrane Gegenstandslosigkeit in naturtrüben, transparenten Farben, in schattierendem Weiß, hellem Grau, schlammigem Beige. Manchmal taucht, wie eine vage Verheißung, hauchdünnes Lila auf, Orange, erdiges Braun, scharfkantiges Schwarz. Die Formen und bleichen Farben scheinen sich durch die weiße Bildfläche zu bohren wie Schneeglöcken durch die Erde. „Schneeglöckchen“ heißt denn auch rätselhafterweise eine seiner Arbeiten. Metapher wofür? Ansichtssache. Die meisten seiner asketischen Bilder aber sind sowieso ohne Titel. „Ihre Askese gegen die Farbe ist negativ deren Apotheose“, zitiert Rainer Metzger im Katalog zu Kappls Ausstellung im Museum Moderner Kunst Kärnten im Sommer 2021 aus Theodor W. Adornos „Ästhetischer Theorie“.

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Ohne Titel, 2021
Acryl auf Leinwand, 180 x 145 cm
Foto: Roland Krauss

Freilich sind Vergleiche zwischen bildender Kunst und Literatur unangebracht, ein Maler ist kein Literat. Und doch: Würde man die frühen Arbeiten als opulent auswildernde Experimentalromane lesen, dann die aktuellen Bilder als informelle (Ver-)Dichtungen, als poetische Beschreibungen einer Welt hinter der Welt hinter der Welt. Gegenstandslos, immer. Formlos, nie.

Der 1962 in Klagenfurt geborene Künstler, der zunächst an der Akademie der Bildenden Künste bei Arnulf Rainer und später am Royal College of Art in London studierte, malt, um die Malerei zu erforschen: Raum, Fläche, Hell, Dunkel, Licht, Schatten, Farbe, Form, Proportion, Perspektive, Zeit. Oder, in seinen Worten: „Den Gesetzen der Malerei folgen, um sie außer Kraft zu setzen und sie neu zu erfinden.“ Ausgangspunkt ist nie ein Gegenstand, immer eine künstlerische Idee. Sein Stil, sagt Kappl, sei gestisch abstrakt, „eine Malerei, die amorphe Formen aus der Leinwand schält.“ Um etwas Neues, so noch nicht Gesehenes zu schaffen, hat er seine ureigene Grammatik entwickelt, ein Vokabular aus Codes und Kürzeln, feinnervigen Strichen, abrupten Schlenkern und hauchdünnen Schleiern. Er, der Weltenfinder und Weltenbildner, öffnet den Raum der zweidimensionalen Leinwand in jenes unbekannte Universum, das zu erforschen der Kunst obliegt.  Assoziation – wozu? Ja, diese Frage ist durchaus doppeldeutig gemeint. Klare Fragen und Antworten sind in der Malerei nicht zu finden, man sollte jeder Kunst, speziell auch jener Franco Kappls, sowieso zunächst mit Ratlosigkeit gegenübertreten.

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Ohne Titel, 2021
Acryl auf Leinwand, 105 x 150 cm
Foto: Roland Krauss

Franco Kappl, der übrigens 1987 den Max-Weiler Preis gewann und 1994 der erste Strabag-Kunstpreisträger war, ist keiner, der dem Markt, seinen Gesetzen und Begehrlichkeiten allzu viel Bedeutung oder Aufmerksamkeit beimisst. Was ihn interessiert, ist die Kunst, die Malerei, die Gleichzeitigkeit von definierter Struktur und dynamischem Duktus, von Planung und Zufall, Bewegung und Innehalten.

Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) sprach in seiner „Phänomenologie der Wahrnehmung“  vom Stil der Bewegungen und vom Denken des Leibes: "Malen ist Bewegung....Indem der Maler der Welt seinen Körper leiht, verwandelt er die Welt in Malerei.“  

Andrea Schurian

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Schneeglöckchen, 2021
Acryl auf Leinwand, 100 x 85 cm
Foto: Roland Krauss