Erwin Bohatschs Frühwerk ist noch eng mit dem Gegenstand verbunden: archaische Gegenwelten im
düsteren Dickicht bestimmen die Bildszenarien Anfang der 1980er Jahre. Eine radikale Antwort auf
konzeptuelle und performative Tendenzen, und eine Bejahung des intuitiv geschaffenen Gemäldes
abseits avantgardistischer Dogmen. Jedoch setzt Ende der 1980er Jahre ein konsequenter
Abstraktionsprozess in Bohatschs Malerei ein. Motivik und Bildinhalt werden zugunsten des
Prozesshaften und faktisch Materiellen des Mediums aufgehoben. Zuerst entstehen noch plastisch
modellierte Tropfen und Krakelees, die trompe l’oeil-haft aus der Bildfläche heraustreten und den
Betrachter täuschen. Aus dem abgebildeten Tropfen wird der Farbfluss per se. Das Indexikalische
gewinnt gegenüber dem Ikonischen an Präsenz:
Behutsam streicht der Künstler mit dem Rakel die dünnflüssige Ölfarbe, vermischt mit Harz über die
horizontal auf Böcken platzierte Leinwand. Durch Anheben des Bildträgers erzielt Bohatsch
Fließspuren, wobei er die Struktur der geronnen Farbe kontrolliert. Monumentale Rinnsale bestimmen
die Bilderscheinung. Diese können etwa Assoziationen an gewaltige Wasserkaskaden erwecken, die
entlang von steilen Felswänden herabströmen. Dennoch ist die Natur keine direkte, motivische Vorlage
für die Bildwerdung, das Fließen selbst ist vorrangiges Thema. Das Gemälde vermittelt einen Status des »Bildlichen« und des Prozessualen zugleich. Diese »Bildlichkeit« zeigt sich in der kompositorischen
Anlage, der Farbigkeit und dem Oszillieren zwischen Flachheit und Tiefenraum. Die Spuren des
Malprozesses definieren eine vielschichtige transluzide Überlagerung. Mit dieser abstrakt analytischen
Haltung schließt Erwin Bohatsch an die Avantgardegeschichte der Abstraktion an; vor allem finden wir
Verwandtschaften zu US-amerikanischen Positionen der Nachkriegszeit, etwa den Vertretern des
Colourfieldpaintings, allen voran Morris Louis: Ende der 1950er Jahre schuf Louis monumentale
Gemälde, pulsierende Schleierebilder in nuanciertem Kolorismus. Die geronnene Farbe ist von dem
ungrundierten Textil der Leinwand aufgesogen und vibriert atmosphärisch in den Betrachterraum. Bei
Bohatsch hingegen ist ein deutlicheres Sedimentieren der einzelnen Farbebenen zu erkennen, ein
strukturelleres Vorgehen, ein „kristallineres“ Verdichten der Farbspuren an ihren Rändern, dennoch
mit sensitivem optischem Illusionismus. Bohatsch negiert den Trug der Bildtiefe, vermittelt uns die
Ingredienzien der Malerei, bleibt dadurch sachlich analytisch und weniger romantisch pathetisch. Der
asketischen radikalen Malerei – man denke etwa an Robert Ryman, Günter Umberg oder Joseph
Marioni – bleibt Bohatsch dennoch fern, lockert Sachlichkeit und Purismus hie und da auf durch
koloristische Experimente abseits seiner favorisierten Nichtfarben Weiß, Grau und Schwarz: Ein grelles
Gelb, ein zarter Rosaton, ein warmes Rot, ein gedecktes Rostbraun verschleiert den Blick in klarere
Bildtiefen.


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