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Matthias Herrmann

"NEUE ARBEITEN"

  GALERIE STEINEK
 05.06. - 27.07.2001

 

Vernissage: Dienstag, 5. Juni, 18 bis 20 Uhr


Camp as Camp Can - (about "Text Pieces") by Peter Weiermair

Die in diesem Band vereinigten 130 Werke, die in den letzten beiden Jahren als "work in progress" entstanden sind, setzen sich von den früheren Arbeiten durch eine Reihe sich ändernder Strategien ab. Da wie dort handelt es sich um inszenierte Bilder, die im Studio unter Ausschluss der Öffentlichkeit entstanden sind; da wie dort ist der Künstler selbst sein Modell. Aber die neuen Selbstdarstellungen sind über die Tatsache hinaus, daß sie erzählerischer sind - die Figuren etwas repräsentieren, was zur Identifikation einlädt - eingespannt in einen Bild-Textdiskurs, den der Betrachter, jeder Betrachter für sich, in Gang bringen und mit Bedeutung versehen muß. Texttafeln werden wie die Zwischentitel von Stummfilmen oder die Preisschilder im Kaufhaus dazu gestellt und das Bild kann durch den Text, gefundene Äußerungen, Zitate aus Zeitschriften und Interviews, der Text aber auch durch das Bild eine "Erklärung" finden.

Wie viele Künstler der Gegenwart und damit meine ich eine bereits Geschichte gewordenen Gegenwart von einem viertel Jahrhundert (wie Jürgen Klauke, Urs Lüthi, Marina Abramovic, Cindy Sherman oder Luigi Ontani) nimmt Matthias Herrmann seinen trainierten Körper, er kann den ehemaligen Tänzer nicht verleugnen, und dessen Ausdruckskraft als fortwährendes Medium des photographischen Bildes, welches das Endprodukt der slapstickhaften Seancen ist. Herrmann verfügt dabei über eine Versatilität des Ausdrucks bis hin zu Lust und Auslöser koordinierenden Operationen.

Wenn man Matthias Herrmann in die Geschichte der genannten Selbstdarstellungen einreiht, werden zwei Dinge klar. Zum einen seine Aktualität, die mit der exzessiven Offenheit, einem fast zynischen, ins Absurde gehenden Exhibitionismus, der Lust am Rollenspiel und der Dekonstruktion der Zeichen der Sexualität zu tun hat, zum anderen der innovative Beitrag in dieser Geschichte, in der auch die Reflexion des Mediums selbst und die Hinterfragung der Strategien von Mode- und Werbungsphotographie eine zentrale Rolle spielen, aber auch Elemente der Perfomanceentwicklung eingehen. Herrmann geht davon aus, daß wir alle Spieler des Be- und Entkleidens sind und er spielt, man blicke in das nächstbeste Heft von Vogue oder auf die nächste Plakatwand, auf der dort gestimmten Klaviatur der Gefühle....."

HÄUTE - (about "Hotel") Martin Prinzhorn in "Hotel", 2000

(...) Douglas Crimp hat im Zusammenhang mit den Filmen und Photographien Andy Warhols den Ausdruck "shame-proned" verwendet, die positive und affirmative Besetzung des Zustands des Beschämtseins also. Trotz der berechtigten Ansicht Crimps, die affirmativen Aspekte etwa in "Screentest # 2" oder "Mario Banana" zu betonen, muss man doch sagen, dass dort eben auch "reales" Leiden involviert ist, dass Mario Montez tatsächlich auch Opfer ist. Die affirmativen Aspekte kommen erst in der gesamten Inszenierung gleichsam additiv zum Vorschein, ein vorhandener Ernst wird - manchmal fast sadistisch - in eine Humorperspektive gerückt. Bei Herrmanns Bildern funktioniert die Inszenierung völlig anders, es gibt kein Opfer, da sich der Blick nicht nur von der Kamera auf ihn richtet, sondern sich auch umkehrt. Dies alleine schon deshalb, weil Matthias Herrmann sich in seinen Darstellungen nicht auf eine bestimmte Figur oder Rolle stützt, sondern auf eine ganze Palette verschiedenster Referenzen, die vom Aktionismus über verschiedene 'trans gender' Darstellungen bis hin zu einem verschämten Kitsch à la David Hockney reichen. Schon diese Vielzahl an Referenzpunkten macht eine Reduktion von Herrmanns Arbeiten auf einen bestimmten Narrativ oder eine fixe künstlerische Position als Nische unmöglich. "All bad art is the result of good intentions" ist in einer der Photographien zu lesen und dieser Spruch kann neben einer ironischen Lesart oder einfach als eine Art Kalauer auch als ernster Kommentar der eigenen Arbeit verstanden werden, dann nämlich, wenn gute Intention bedeutet, von einer bestimmten Position aus das künstlerische Feld zu bearbeiten. Es ist weder eine Moral noch eine Gegenmoral, die in den Arbeiten behauptet oder vorangetrieben wird. Der ununterbrochene Wechsel und Mix in formaler und inhaltlicher Hinsicht kann zwar Positionen zueinander in Beziehung setzen und neu definieren, nimmt aber keine ein. Die Arbeiten enthalten gleichzeitig Beobachter und Beobachteter, Subjekt und Analyse, Witze und Witze über die Kunst, in ihrer Unterschiedlichkeit Übertreibungen bis hin zum Grotesken. Das Hotelzimmer ist der Schmelzpunkt all dieser Ebenen, weil seine Enge nur eine vorgebliche ist, es ist Studio für Matthias Herrmann, weil genau dort der Zusammenhang zwischen Phantasien und Überschreitungen so stark ist.