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Michaela Spiegel

Psyche

GALERIE STEINEK
 18.01. - 25.02.2012

 

Vernissage: am Dienstag , dem 17. Januar, um 19:00 Uhr

 

 

Michaela Spiegels Kunst ist Rock’n’Roll.

Sie liebt es zu provozieren und sich an gesellschaftlichen Tabus zu reiben, präsentiert das Grauen sozialer Realität, hübsch verpackt in liebreizenden Tableaus und Installationen. Das Spiel mit der bürgerlichen Anständigkeit spiegelt sich in der Auswahl ihrer Bedeutungsträger. Bei der Serie Knochenteller bemalte sie Zierteller mit einer quasi abgespeckten Version ihres Körpers mit Schriftzügen wie „ANNO REX IE“ oder „MAG ER SUCHT“, bei Damenmagen bediente sie sich überdimensionierter Parfumflacons und befüllte diese mit dem gequälten, geschrumpften, weiblichen Verdauungsorgan. Im Zentrum von Spiegels Arbeit befindet sich immer auch das Hinterfragen des gesellschaftlichen Konstrukts der Frau.

Für die titelgebende Installation der aktuellen Ausstellung hat sie sich einer weiteren Absurdität bürgerlichen Lebens angenommen, einem gemeinhin auch Frisierkommode genannten Möbelstück namens Psyche. In der Welt der Boudoirs besteht dieses aus einem beweglichen Spiegel und einem damit verbundenen Tischchen. Michaela Spiegels die Psyche der Frau ( A Woman´s Vanity) ist ein 30minütiges Vintage-Video mit Szenen 43 bekannter Filmklassiker, die sich vor oder hinter einer sogenannten Psyche abspielen. Dazu gibt es in Printform den Versandkatalog des hystorischen Holzmöbels.

In der griechischen Mythologie findet sich auch noch eine andere Bedeutung: Psyche ist die Geliebte des Eros. Ihre Existenz ist bestimmt durch die Beziehung zu einem Mann – zumindest in der Bildenden Kunst, in dem sie im Duo als Amor und Psyche zu einem beliebten Sujet verschmolzen ist. Damit transportiert der Frisierspiegel, der ihren Namen trägt, auch die Konzentration auf das imaginierte männliche Begehren. Während dem Blick der Frauen auf ihr Spiegelbild also bereits eine Außenperspektive als verinnerlichtem männlichem Blick inhärent ist, ist dieser im Film noch zusätzlich gerahmt vom Blick, den die Kamera selbst repräsentiert. Die psychoanalytisch orientierte Filmtheorie verbindet auch diese Perspektive mit dem Blick des Mannes. Während ihm die Rolle des aktiv Blickenden zugestanden wird, muss sich die Frau mit dem Attribut der to-be-looked-at-ness (Laura Mulvey) abfinden. Was also so aussieht, als würde eine Frau sich selbst betrachten, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil; sie sieht sich im Spiegel und sieht sich doch nur im Spiegel gesellschaftlicher Erwartungen an ihr Aussehen und ihr Verhalten. In der Logik dieser Anordnung ist der Spiegel der Apparat einer männlichen Herrschaftsstruktur und gleicht darin eher einem Projektor oder Mikroskop.

Das für Michaela Spiegels Arbeit beispielhafte an dieser Installation ist ihre gewissermaßen konfrontative Methode. Zentral dabei ist das Einbeziehen von Sprache und die Referenz auf gesellschaftliche Bilder, indem sie diese beim Wort nimmt. Auf diese Weise stellen sich Erwartungen als Zumutungen heraus, aus ihrer Divergenz entspringt ihr grausamer Witz. Spiegel zweckentfremdet Sprache, nützt sie als Werkzeug, um versteckt wirksame Diskurse auf die Bildfläche zu heben.

Im Fall von Psyche ist es der eingangs beschriebene, vielfach verwobene Konnex zwischen diesem eigentümlichen Möbel und dem weiblichen Seelenleben. Die Texte der Prints verweisen auf eine andere Verbindung; als hystorisches holzmöbel werden die Psychen dort ausgewiesen, analytische stilmöbel zeitloser eleganz. Die weibliche Psyche war das Studienobjekt erster Wahl für die frühen Psychiater und Analytiker, Freuds Studien über Hysterie das erste Werk der Psychoanalyse überhaupt. Über sie lässt sich das grausame Einwirken gesellschaftlicher Macht auf den weiblichen Körper, wie an Charcots Hysterikerinnen des 19. Jahrhunderts praktiziert, leicht zurückverfolgen.

Die Verbindung konkreter Objekte mit gesellschaftlicher Ideologie führt Spiegel bei der Serie der Asyle fort. Eine Auswahl von Abbildungen wenig einladend wirkender Nervenkliniken unterlegt sie mit Zitaten von Ärzten oder berühmten PatientInnen. Ende des 19. Jahrhunderts führte die Idee der Heilung zu einer Welle von neu errichteten Sanatorien. Allerlei Süchte und Sehnsüchte sollten dort kuriert werden; Alkoholismus, Tuberkulose, Hysterie, Masturbation und Lebensmüdigkeit. Über den Anstalten von Michaela Spiegel erhellen vereinzelte Sterne den trüben Horizont oder sind With Love and Lithium in einen lodernden Glanz getaucht. Nachdem Foucault sich mit dem Wahnsinn als historischem Diskurs auseinandergesetzt hatte, widmete er sich der Klinik, als besonderem Ort im Gleichgewicht gesellschaftlicher Ordnung. Für ihn waren viele Entwicklungen des 19. Jahrhunderts der Grundstein gegenwärtiger Verhältnisse. Bei Michaela Spiegel ist die Referenz auf die Welt dieses vorletzten Jahrhunderts und die Anmutung des Antiquierten ein Kunstgriff, um ihrer Kritik Leichtigkeit und jene überdrehte Selbstironie zu verleihen, die Susan Sontag als camp definiert hat.

Dabei beinhalten die Vintage-Anmutungen auch immer einen wahren Kern in sich, sind nicht nur Fragmente gesellschaftlicher Diskurse, sondern gehen auch tatsächlich auf historische Objekte zurück: Bei den Asylen etwa handelt es sich im Ausgangsmaterial um alte Postkarten der verschiedensten Anstalten; sie dienten den Patienten dazu nach Hause zu berichten, wie der Verlauf der Genesung sei usw. Michaela Spiegel greift solche obskuren Objekte auf und bringt sie durch pikturale und sprachliche Eingriffe noch einmal neu zum Sprechen.

Neben der Kritik an nach wie vor gängigen Einengungen (Wiener Damenhaft, 2005), setzt Spiegel auch deutliche Zeichen in eine andere Richtung. Mit den peaux des putes etwa, Pelzmäntel auf Kleiderpuppen mit eher weniger damenhaften Ansagen. Didn´t fuck for it, killed for it ist da in güldenen Lettern zu lesen oder I Love my Pussy, ganz in der Manier jener Wilden, die ihren Lifestyle, affichiert auf die Haut eines toten Tieres, am Rücken tragen. Die bedruckte Pelzjacke kreiert sich ihren eigenen Mythos und verkehrt die männliche Imagination der Frau, symbolisiert in ihrer Hülle, in ihr Gegenteil. Das Luxusaccessoire behüteter Damen wird zum Symbol weiblicher Selbstbestimmtheit und Potenz.

Michaela Spiegel wurde 1963 in Wien geboren. Sie studierte an der Hochschule für angewandte Kunst und an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts , Paris. Die Künstlerin lebt in Wien und Paris.