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Dejan Kaludjerović

 

GALERIE STEINEK
 11.06. - 15.07.2010

 

Vernissage: am Donnerstag, den 10. Juni 2010, um 19:00 Uhr



Detail from "Je suis malade", 2009, Video by Dejan Kaludjerović

For the last decade Dejan Kaludjerović has been preoccupied with childhood as a leitmotif in his paintings, drawings, photography and videos. A central theme in Kaludjerović's oeuvre is how we deal with the present and therefore how it manifests itself in the future. The artist strives to bring to our consciousness the choices we are making today and how they affect life that comes. Being of a generation that was brought up in the seventies Kaludjerović’s memory of childhood is of an era where matters were not as exploited as in today’s media saturated world. One of the largest complications of memorializing our past is the inevitable fact that it is absent. Every memory we try to reproduce becomes a present that has already past. It is this impractical desire for recalling what is gone forever that brings to surface a feeling of nostalgia, noticeable in many aspects of daily life. Kaludjerović is very aware of this trap and utilizes the past to point out how visual codes towards the imagery of children have varied over time.

The video installation Je Suis Malade portrays a young blond girl standing very still with arms next to her body. By performing the song Je Suis Malade, the child immerses itself in the lyrics, but has no direct relationship to these experiences since it is not able to conceive the concepts of the story and the language is foreign to the performer. The song, performed in a cappella style is stripped from any music, the effect being very raw and exposed. The sense of alienation is omnipresent and there is a lack of naturalness and spontaneity. The video installation is projected onto a nylon material, suspended from the ceiling, giving the work a sculptural quality.

With his newest body of work Kaludjerović investigates childhood signifiers, such as playgrounds, electric cars and swings leaving the protagonists out of the picture, quite literally. Instead of having the children climb up the ladders, cross over playground bridges or sweep down slides, Kaludjerović leaves an empty and hollow field, making the viewer feel slightly perturbed. The two bridges represented in the drawings Blue reach into infinity, yet we do not know where they are heading. The bridges could potentially represent them (children) and us (adults) – hopefully meeting somewhere in the middle and finding a common fruitful ground of exchange. In a more abstract manner Kaludjerović continues to point out our responsibility in shaping the next generation and perpetually questions the truthfulness of our acts vis a vis the youngest ones.

The ready-made sculptural work and the new series of drawings portray a sense of abandonment and distress. Where have all the children vanished? They have probably become adults leaving artifacts from their own childhood as a piece of history that was once upon a time part of their lives. Kaludjerović retrieves those objects and gives them a new life. The electric car, which slides on the rubber field, was a quintessential object of engagement for boys and girls growing up in the 70’s and early 80’s. On first glance the piece looks like a ready-made in a gallery space, yet Kaludjerović has added an extra layer that is not visible to the audience. Parts of the interior, around the engine are hand painted with favorite cartoon characters from Kaludjerović’s childhood. Memorializing such a topography brings into question our ability to store, retain and recall information from the past and how it affects our future. At one point as adults, we start digging into our past, namely childhood and try to justify our choices in our adult lives. Kaludjerović brings his favorite childhood characters into a concrete hidden space, yet they need to be dug out mentally from a subconscious space figuring out what they mean to us today. The second ready-made is hard to decipher on first glance, but upon close inspection one realizes it is a swing. This object was very close to Kaludjerović in his childhood since it used to be in front of the artist’s apartment building while growing up. The artist engages his own father in an action of dismantling the swing in order to be placed in the gallery space. The object traversed several counties before reaching its destination in Vienna. Certain traces of history are embedded in all the objects in the exhibition whether they are drawings, ready-made objects or video installations. The artist goes back to his own childhood memories in order to reclaim his future. Yet he does not forget the children of today – the swing that was taken away from the playground of his youth will be recreated by the artist himself and placed on that same playground by the artist’s father.

Boško Bošković


In dem letzten Jahrzehnt befasste sich Dejan Kaludjerovi? in seiner Arbeit mit der Kindheit, welche zum Leitmotiv seiner Bilder, Zeichnungen, Fotografien und Videos wurde. Ein zentrales Thema in Kaludjerovi?s Werk ist die Frage, wie wir mit dem Jetzt umgehen und wie sich dieses in der Zukunft manifestiert. Das Bestreben des Künstlers ist es, unserem Bewusstsein die Entscheidungen, die wir heute treffen und deren Effekt auf das zukünftige Leben nahezubringen. Als Teil der Generation, die in den siebziger Jahren aufwuchs, stammt Kaludjerovi?s Kindheitserinnerung aus einer Zeit, in der die Dinge nicht wie heutzutage in der medienübersättigten Welt ausgebeutet wurden. Eine der größten Komplikationen des Erinnerns an unsere Vergangenheit ist die unausweichliche Tatsache, dass sie abwesend ist. Jede Erinnerung, die wir wiederherzustellen versuchen, wird zur Gegenwart die bereits vergangen ist. Es ist diese Sehnsucht nach der Wiederherstellung dessen, was unwiederbringbar ist , die ein Gefühl der Nostalgie zum Vorschein bringt, spürbar in vielen Aspekten des täglichen Lebens. Kaludjerovi? ist sich dieser Falle sehr bewusst und benutzt die Vergangenheit um aufzuzeigen, wie die visuellen Codes im Vergleich zur Bildsprache der Kinder im Laufe der Zeit variierten.

Die Videoinstallation Je Suis Malade porträtiert ein junges blondes Mädchen, wie es mit den Armen dicht am Körper still steht. Es singt das Lied Je Suis Malade - der Text und die Sprache sind ihm völlig fremd und es ist nicht in der Lage die Begriffe der Geschichte zu verstehen, da es keinen direkten Bezug zu den im Lied vorkommenden Erlebnissen aufbauen kann. Das Lied wird im A-Capella-Stil gesungen, ist also von jeglicher Musik isoliert, so dass der Betrachter dem nackten Sound des Interpreten sowie der Schönheit einer Kinderstimme ausgesetzt ist. Der dunkle Hintergrund, aller Artefakte beraubt, erzeugt eine geisterhafte Wirkung und durch den Mangel an Natürlichkeit und Spontaneität, einen Effekt der Entfremdung. Die Video-Installation wird auf ein Vinyl-Material projiziert, das frei im Raum von der Decke hängt - dies verleiht der Arbeit eine skulpturale Qualität.

In seinen neusten Werken untersucht Kaludjerovi? die Signifikanten der Kindheit, wie Spielplätze, Elektroautos und Schaukeln. Er lässt die Protagonisten abwesend sein, als ob diese den Ort bereits verlassen hätten. Anstatt die Kinder die Leitern hinaufklettern, die Spielplatzbrücken überqueren oder Rutschen herunterrutschen zu lassen, lässt Kaludjerovic die Objekte in einem leeren und hohlen Feld, was in dem Betrachter ein Gefühl der Beunruhigung hervorrufen mag. Die beiden Brücken dargestellt in der Arbeit Blue, scheinen ins Unendliche zu reichen, doch wir wissen nicht sicher, wohin sie führen. Möglicherweise stehen sie für sie (die Kinder) und uns (die Erwachsenen), die sich hoffentlich an irgendeinem Punkt begegnen und einen fruchtbaren Boden für einen Austausch finden. In einer abstrakteren Betrachtungsweise versucht Kaludjerovi? weiterhin unsere Verantwortung in der Gestaltung der nächsten Generation aufzuzeigen und untersucht die Aufrichtigkeit unserer Handlungen gegenüber den Jüngeren.

Die skulpturale Ready-Made-Arbeit sowie die neuste Bilderserie stellt ein Gefühl der Verlassenheit und Verzweiflung dar. Wohin sind denn all die Kinder verschwunden? Sie wurden wahrscheinlich zu Erwachsenen und hinterließen die Artefakte ihrer Kindheit als ein Stück Geschichte, die früher mal Teil ihres Lebens waren. Kaludjerovic benutzt eben diese Objekte und gibt ihnen ein neues Leben. Das Elektro-Auto, ein Jahrmarktsoriginal, war der Kindheitsinbegriff für Jungen und Mädchen, die in den 70er und frühen 80er Jahren aufwuchsen. Auf den ersten Blick sieht diese Arbeit wie ein Ready-Made-Werk in einem Ausstellungsraum aus. Doch Kaludjerovi? hat eine weitere Ebene hinzugefügt, die für den Betrachter nicht sichtbar ist. Teile des Innenraums um den Motor sind mit beliebten Zeichentrickfiguren aus Kaludjerovi?s Kindheit von Hand bemalt worden. Mit dieser symbolischen Geste stellt der Künstler unsere Fähigkeit Informationen aus der Vergangenheit zu speichern, aufzubewahren und wieder aufzurufen in Frage, als auch deren Auswirkungen auf unsere Zukunft. Zu einem gewissen Zeitpunkt beginnen wir, als Erwachsene, in unserer Vergangenheit - namentlich Kindheit - zu graben und versuchen damit, die Entscheidungen in unserem Erwachsenenleben zu rechtfertigen. Kaludjerovi? bringt die Lieblingscharaktere seiner Kindheit in einen konkreten, versteckten Raum, aber sie müssen aus dem Unterbewussten ausgegraben werden, um herausfinden zu können was sie uns heute noch bedeuten. Die zweite Ready-Made-Arbeit ist auf den ersten Blick schwer zu entziffern, aber bei genauem Hinsehen erkennt man, dass es eine Schaukel ist. Dieses Objekt stand Kaludjerovi? in seiner Kindheit sehr nahe, da es vor dem Wohnhaus angebracht war, in welchem der Künstler aufgewachsen ist. Der Künstler engagiert seinen eigenen Vater in einer Demontage-Aktion der Schaukel von einem öffentlichen Spielplatz, um dieser einen neuen Lebensraum während seiner Ausstellung zu geben. Die Arbeit zeigt eine sehr private Erinnerung aus Kaludjerovi?s Leben. Gleichzeitig erschafft der Künstler eine neue Schaukel, modelliert und hergestellt nach der Vorlage des Originals und untersucht so den umgekehrten Prozess - ein privat geschaffenes Objekt langfristig ausgestellt in einer öffentlichen Sphäre aus seiner Jugend.

Gewisse Spuren der Geschichte sind in allen Objekten der Ausstellung eingebettet, seien es Zeichnungen, Ready-Made-Objekte oder Video-Installationen. Um die Zukunft zurückzugewinnen, muss man zurück zu seiner Kindheit gehen.