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ILSE HAIDER

"flagrants délits"

  GALERIE STEINEK
 16.05. - 19.07.2002


Eröffnung am 16. Mai 2002, 18 bis 20 Uhr


"Yktinos", 1997
Fotoemulsion auf Peddigrohr,
28 x 21 cm
Wattestäbchen-Skulpture
ab 1993
Aus der Serie "Ètudes Académiques", 1997
Laserkopie auf Wattestäbchen in Plexibox,
45 x 32 x 7 cm
Wattestäbchen-Skulpture
ab 1993

"Alles ist Projektion -- wörtlich und übertragen"

Ilse Haiders Leitmotiv gewinnt gerade in ihren jüngsten Arbeiten (WUK und Galerie Steinek) eine neue aber umso zwingendere Bedeutung.
Während sie in ihren früheren Werken von „fotographischen Oberflächen auf skulpturalem Untergrund" (Gabriele Rothuber) ausging, so malt sie jetzt mit den Befindlichkeiten des Betrachters. Ilse Haiders Trägermaterialien: seien es Peddigrohr oder ihre, durch gelochte Aluminiumplatten gefädelten, Wattestäbchen -- mit Fotoemulsion belichtet und solcherart zu fotoähnlichen -- allerdings dreidimensionalen -- Objekten umgewandelt, ergeben durch ihre uneinheitliche, gebrochene Oberfläche ein dekonstruiertes Bild, das sich erst in der Ferne, dank dem Betrachter, zu einem Ganzen zusammenfügt. Auch ihre "behaarten Männer" (Blütenstaubgefässe aus Kunststoff in Silikon), die zwar schon das fotografische Element im"technischen Sinne" (Rothuber) vermissen lassen, setzen sich nur im Kopf -- pixelartig -- zum fotografischen Abbild zusammen. Dieses, von den Impressionisten entlehnte Ansinnen des Künstlers an den Betrachter, das voraussetzt, dass jener sich auf den einzig richtigen "Blickpunkt" zu stellen hat, um das Ganze als Solches sichtbar werden zu lassen, wird in Ilse Haiders neuestem Schaffen (dem umfassenden -- an Marcel Duchamp's "Sechzehn-Meilen-Schnur" gemahnenden -- Raumkonzept "die tröstende Camera" im WUK, in dem der Besucher"geführt" werden soll und der Art de participation in den "flagrants délits" in der Galerie Steinek) nun bei weitem übertroffen durch die Forderung, der Ausstellungsbesucher möge nicht nur "fertig"schauen sondern auch" fertig"denken und fühlen.

Die Einkaufsmeile in der Galerie Steinek -- auf den ersten Blick oberflächliche Konsumwelt der uniformierten Muster mit dem verschiedentlichst auftauchenden Signé des immer mehr reduzierten, bloß noch angedeuteten, ausgebeulten, in Bewegung befindlichen Hosenschrittes der "Unter-bzw. Badehosen - Serie „-- ist weder als Anklage noch Bejahung zu verstehen, hier handelt es sich um die nüchterne, allerdings augenzwinkernde, Feststellung des Tatbestandes : Konsum !
Allerdings treffen wir auch gleichzeitig auf diverse latente Anzüglichkeiten, auf unter der Oberfläche Offenes -- ein Blick hinter heile Fassaden der kleine Schönheitsfehler, "Delikte" eben, nicht nur peinliche Verfehlungen, kleinliche Tabus aufgezeigt, sondern es werden auch die Gefühle des Betrachters "dabei" aufgedeckt, "inflagranti" entlarvt -- unterschiedliche Empfindungen bei objektiv gleichem Auslöser sind durchaus eingeplant. Der Betrachter projezierteigenstes Empfinden mit seiner Befindlichkeit zurück: er wird aktiv gefordert, wird Komplize. Die individuelle Schmerzgrenze der etwaigen Peinlichkeiten wird als Stilmittel eingesetzt: der Betrachter malt seine eigenen Emotionen unter dem Eindruck der "flagrants délits": sensible "Pinselstriche" malen Empfindliches.... Gefühlsskalen, Schattierungen und Nuancierungen bleiben dem "sich Einfühlenden" überlassen.

Ilse Haider hält der Welt einen reflektierenden Spiegel vor -- nicht mehr jener aus 1995, als ihr "Badezimmerensemble": rosa verklärte Aufnahmen der 50 er Jahre" uns die heile Welt des Weiblichen und wie es zu sein hat" (Doris Krumpl) spiegelte, der ja bloß zum Check-Up dienen sollte -- heute läßt er uns tiefer blicken : was es mit uns macht wenn die heile Welt "verrutscht": Alltagsprobleme in Alltagssituationen bei Jedermanns... Die Augen der Außenwelt sind auf d i c h gerichtet -- und an welchen Oberflächlichkeiten scheiterst d u ? Auch hier benötigen Ilse Haiders Arbeiten den "Abstand zum Betrachter" (Rothuber) -- aber wieviel Abstand ? Der Bild - bzw. Inhaltstransfer wird gleichsam auf die psychische, innere Ebene ausgedehnt.
Die feine Ironie und der natürliche lebhafte Umgang des Weiblichen mit dem männlich --Andersartigem-- ohne sich durch einen verbissenen Feminismus beeinträchtigen lassen zu müssen,machen das Erfrischende und Unverbrauchte von Ilse Haiders Arbeiten aus.
B.A. Lehmden

Ilse Haider :1965 in Salzburg geboren. 1995-2001 Lehrtätigkeit an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung, Linz. Lebt und arbeitet in Wien.