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Weltkulturerbe

von Hannes Priesch
mit Herta Tutz
 GALERIE SCHAFSCHETZY
  27.09. - 22.10.2003

 

Eröffnung: Samstag, 27.09.2003 um 14:30 Uhr


Wir alle lernen früh die Macht und Magie von Sprache kennen. Ich erinnere mich an die Magie, die Doppelbedeutungen von Wörtern für mich als Kind hatten. Wie beim Wort Krebs: Zum einen als Namensgebung einer Krankheitsgattung, die früher oft einem Todesurteil gleichkam. Zum anderen als Bezeichnung eines Flussbewohners, vor dem ich wegen der Namensgleichheit mit der Krankheit großen Respekt hatte.

In diesem Zusammenhang fällt mir auch der Versuch meiner Kindheitsfreundin und mir ein, das aufgeschnappte Wort „pudern“ zu enträtseln. Intuitiv wussten wir, dass dieses Wort der Erwachsenenwelt zugehörig und tabuisiert sei. Aus unserer kindlichen Erfahrung heraus interpretierten wir es als eine dunkle, geheimnisvoll verbotene Mischung aus Körperpuder und Duft.

Die Erfahrung mit Sprache als ein Macht- und Regelungsinstrument der Klassen kennt jede/r. So wird Dialekt sehr oft als unterlegene Form angesehen und als „unfein“ gegenüber der Hochsprache empfunden. Diesen Umstand als Manko wahrzunehmen und zu überbrücken versuchen, kann ein schwieriges Unterfangen sein. Man betritt ja fremdes Territorium! Wenn im Steirischen das hochdeutsche A sehr oft zum O wird, lässt sich daraus leider nicht folgern, dass mit dem einfachen Austauschen der Os zu As auch schon der Code geknackt wäre, der den Zutritt zur Hochsprache freigibt. Für die unfreiwillige Komik dieser Erfahrung konnte ich erst Jahre später den Humor aufbringen.

Seit Beginn der 90-er Jahre ist Sprache als Schrift und gesprochenes Wort ein fester Bestandteil meines Oeuvres. Eine der ersten Arbeiten aus „Basis 1“ der frühen 90-iger Jahre ist die in Chicago entstandene „Abc-group“. Diese audio-kinetische Objektgruppe besteht aus 11 weißen Papierkuben auf je drei papierenen Beinen. Die knapp 60 cm hohen „Roboter“ fahren langsam und etwas tollpatschig im Raum und rezitieren mit hohen Stimmen im loop 11 verschiedene Alphabete aus der indo-europäischen (indogermanischen) Sprachfamilie. Das Alphabet bildet eine interessante Schnittstelle von gesprochener und geschriebener Sprache. Es ist auch eines der ersten Lernstoffe eines Vorschulkindes...

1995 entstand die Doppelarbeit „Wine and Language“ Chicago und Naturns. 11 Personen in Chicago, 11 Personen in Naturns (Südtirol) probierten 11 Rotweine. Sie schrieben auf Kärtchen ihre Bemerkungen. Ich hatte die Teilnehmer/innen vorher darauf hingewiesen, dass mich nicht der klassische Weintest interessiere, sondern jede (schriftliche) Äußerung, die beim Trinken der Weine ausgelöst werden würde. „Typischerweise“ fand die Gruppe der Chicagoer einen eher subjektiven und anekdotischen Ton, (ein Teilnehmer berief sich auf Proust), während sich die weinerfahreneren Naturnser Teilnehmer häufig des Weinchargons bedienten.

„ Set of 11 Maps“ (siehe gleichnamiger Katalog) wurde 1997 im Studio der Galerie Schafschetzy gezeigt. Der von mir verfasste Text besteht aus besitzanzeigenden Listen (das ist mein...), welche eine Art Soziolandkarte entwerfen. Die Elemente der gesamten Installation: Handschriften, Stimmen und Hosen haben „Signaturcharakter“. „Set of 11 Maps“ zeigt Sprache als Werkzeug, um Macht- und Besitzansprüche zu erheben. Besitz wiederum dient der Identifikationsstiftung.

In den verwendeten Textbeispielen der Ausstellung „Weltkulturerbe“ geht es unter anderem um Funktionen und Strategien von Texten. Ich nenne die Bibelstelle, Levitikus 21,16 –23 „Beispiel einer frühen Auslesevorschrift“. Gott teilt Moses klare körperliche Ausschließungsgründe für das Priesteramt der Nachkommenschaft Aarons mit.

Anders verhält es sich beim Zitat aus Platons Schrift „Der Staat“. Hier formuliert Sokrates seine Utopien zu seinem idealen Staat. Er bezieht Glaukon mit ein, indem er sich Beispielen aus dessen Hintergrund und Erfahrung als Züchter von Jagdhunden und Hähnen bedient. Glaukon, der Bruder Platons, wird dadurch von Sokrates quasi zum Coautor der Utopien Sokrates’ gemacht und hat die Folgerichtigkeit der Gedankengänge zu unterstützen. Nach dieser Methode der geradlinigen Beweisführung gibt es am Ende einen logischen Schluss, der sich beinahe wie eine einfache Rechenaufgabe überprüfen lässt.

Das dritten Textbeispiel ziert in Marmor gemeißelt das Grazer Opernhaus. Es stammt aus Richard Wagners „ Die Meistersinger von Nürnberg“. Der Autor als Werbetexter! Seine Aussage: Der Bestand von deutsch und echt wird nur durch deutscher Meister Ehr’ gewährleistet. (“Buy the original, don’t accept substitutes!“)

Die 3 in der Ausstellung verwendeten Texte:
Aus Platon „Der Staat“. Dialog Sokrates mit Glaukon, dem Bruder Platons.
(Beispiel eines frühen logischen Begründungstextes)
Aus dem Alten Testament: Levitikus 21,16-23
Gott an Moses für Aaron und seine Nachkommen
(Beispiel einer frühen Auslesevorschrift)
Aus Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“
(Beispiel eines Werbetextes aus der Neuzeit)Hannes Priesch mit Herta Tutz, September 2003

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