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Johannes Deutsch

Das Bild des Raumes
 GALERIE SCHAFSCHETZY
  08.05. - 07.06.2003

 

Eröffnung: Donnerstag, 08. Mai 2003, 19.00 Uhr


Johannes Deutsch.
Das Bild des Raumes

Der Künstler Johannes Deutsch ist ein Laborant und Experimentator. Er ist mit gefundenen Lösungen und auskalkulierten Kompositionen niemals von vornherein zufrieden und betrachtet jede graduelle Veränderung auf seinem Bildwerdungspassionsweg als Zwischenlösung, Vorstufe, Primärmaterial, Ausgangspunkt für neue, weitere, intensivere Recherchen zu den Grundthemata seiner künstlerischen Anliegen. Er ist ein Manipulator und Drahtzieher, ein Alchimist in den virtuellen Katakomben der digitalen Bildmedien und ein Maler mit surrealem Impetus voll magischer Phantasmagorik. Seine malerischen Bildgestaltungen situieren sich in einem munchischen Szenario von Isolation und Psychologisierung des Daseins, in einem Ambiente von Diskontinuitäten und Kommunikationslosigkeit wie sie auch in Strindbergs vom seelischen Polarlicht dämonisch erhellten Geschichten auftauchen. Im Laboratorium, im wissenschaftlichen Kabinett des Johannes Deutsch amalgamieren die unterschiedlichsten Bildfindungen, Medien, menschlichen Imagologien zu simultanen Bilderketten in den verschiedenen Reifestadien und Aggregatzuständen: zyklisch oder friesartig angeordnete Computerausdrucke, vom Monitor fotografisch generierte Fotosequenzen, malerisch überzogene Raumflächen, digital hergestellte Interieurs, transparent entmaterialisierte Projektionen, filmgleich ablaufende Bilderkader, medial verfestigte Licht- und Raummanifestationen – die Sprachlichkeit der Bildfindungen von Johannes Deutsch kennt ein reiches Vokabular, die Aussagen umkreisen jedoch die gleichen Themenkomplexe rund um die Befindlichkeit von Menschen, die Bezüglichkeiten und die Kommunikation, die Macht der Erinnerung und die Potentiale der Imagination.

Die Auflösung von Grenzen
Das Werk von Johannes Deutsch widersetzt sich einem kunsthistorischen Purismus. Für seine Bildfindungen ist es nicht sinnvoll, von Fotografie, Malerei, Objekt, Installation zu sprechen, es lassen sich keine herkömmlichen Kategorisierungen vornehmen. Vielmehr bietet sich eine Art von psychologischem Rüstzeug an, um sich seinen Arbeiten zu nähern: Deutsch geht von imaginativen Prozessen aus, von bildgewordenen Erinnerungen und Erfahrungsräumen, von unmittelbar wirksamen Bezüglichkeiten in seinem unmittelbaren Ambiente, in seinem authentischen Lebensumfeld. Die fotografischen Bildnisse seiner Frau, seines Sohnes, durch jahrelange Manipulations- und Adaptionsprozesse gleichsam zu Ikonen nobilitiert, tauchen in seinen Bildsequenzen allenthalben auf, auch die Porträts von einzelnen Personen aus seinem Freundeskreis werden gleichsam zu Prototypen; sie bilden das Urgestein, aus dem neue Bilder Johannes Deutsch’ computergenerierte Bildsequenzen appellieren in erster Linie an einen kritischen Rationalismus im Betrachter. Die Prints sind prima vista als Ergebnisse von technologischen Prozessen zu lesen und der Betrachter sucht in seinem Decodierungsrepertoire nach entsprechenden Kriterien. Daneben stellt sich jedoch die optische Qualität der Arbeiten als malerische Kategorie ein und verlangt nach einem weiteren, anderen Lese-System. Und die nunmehr festgestellte diskrete Projektion von emotionalen Werten kondensiert sich als Synthese dieser Leseverfahren heraus, die einerseits die bisherigen Parameter unnütz erscheinen lässt, andererseits die Tür aufstoßen kann zu einer komplexeren Art der Wahrnehmung.

Nachdem es eine vorurteilslose, unvoreingenommene Beobachtung nicht geben kann, bringt jeder Betrachter sein Bündel an Erfahrungen, Sehgewohnheiten, Assoziationen mit, um die diversen Bildebenen zu lesen.
Johannes Deutsch, der Bild-Manipulator und Wirklichkeiten-Kreator, der Spezialist für artifizielle Bildgenerierung und digitale Bildpoesien bedient sich der Strategie der Projektion, um seine Bildfindungen, seine Imagologie in den Raum der Emotionalität zu integrieren. Der vollkommene Raum Im Paragone-Streit, dem gelehrten Disput der Renaissance-Künstler über die Vorherrschaft innerhalb der künstlerischen Disziplinen, trägt die Architektur den Sieg davon – eine Metapher, die von großen Ambitionen und ebenso großen Defiziten kündet. Immer hat es in der Malerei das Bestreben gegeben, Bild-Räume zu gestalten, bzw. architektonische Volumina zu schaffen, die zur bloßen Manifestation des Bildlichen gedacht waren. Dort, wo der gestalterische Wille des Malers erst nach der in die Welt gesetzten Raumschöpfung dazutritt, lassen sich verschiedene Stufen und Ansinnen der Raum-Bewältigung feststellen, von der reinen Wand-Dekoration zur Flächenfüllung, von der kongenialen Ergänzung bis zur behübschenden Applizierung.

Die gotische Struktur von Santa Maria del Carmine in Florenz ließ dennoch eine bildnerische Wandgestaltung aus der Frührenaissance durch Masolino und Masaccio zu, die in ihrer narrativen Erzählstruktur und bühnenartigen Verdoppelung von Architektur ein in sich geschlossenes Raum-Ganzes ergibt. Giulio Romano hatte da als gleichermaßen Maler und Architekt ganz andere Voraussetzungen bei der Gestaltung seiner Camera dei Giganti im Palazzo del Te nahe Mantua, indem er sich die Proportionen, Raumeinteilung und Wandflächensystematik den Kriterien der manieristischen Malerei entsprechend selbst schaffen konnte. Die Kreation des idealen Raumes war ein Anliegen der Renaissance, die – von der Antike ausgehende – an vollkommenen Raummaßen interessiert war. Das Verhältnis von Grundriss und Höhe wurde aus dem Goldenen Schnitt entwickelt, die Proportionen von Länge und Breite entsprachen dem griechischen Kreuz, die architektonischen Gliederungen und die Wandflächen stellten ein System dar, basierend auf der malerischen Wirkung von Licht und Schatten, auf der tektonischen von Stützen und Lasten, auf der emotionalen von transzendenter Verklärung – so verwirklicht in Brunelleschis Pazzi-Kapelle in Santa Croce in Florenz, einem „der vollkommen schönen Räume“ wie Jakob Burckhardt feststellte.

Die ideale Kombination von Bild und Raum konnte auch Mark Rothko in seinem Meditationsraum nicht umsetzen; er ging von einem an sich leeren Wirkungsraum und sozusagen architektonisch nicht existenten Wänden als Trägerflächen für seine Leinwandbilder aus. Die Computerwand- und Deckenbilder von Johannes Deutsch sind ein weiterer, aktueller Beitrag zur Problematik von Bild und Raum, von Künstler-Räumen und der Verklammerung von malerischen und räumlichen Qualitäten in neu zu definierenden Bildschemata. Sein für die Ars Electronica 2002 entwickeltes Projekt für den Erfahrungsraum „Cave“, sein„ Gesichtsraum“ ist symptomatisch für Deutsch’ Strategie der Integration verschiedenster Bildstrategien in einen Bildkomplex: der Besucher begibt sich in das Innere eines geschlossenen Systems, dessen Raumgrenzen von Bildprojektionen auf transparenten Wandfolien gebildet werden. Die Reaktionen und Interaktionen zwischen Betrachter und Bild werden vom Begeher mittels seiner Bewegungen und Aktionen gesteuert und bedingt.

Für Johannes Deutsch stellen diese Bedingungen eines realen Raumes und eines artifiziell gesteuerten Dialoges zwischen Objekt und Rezipient die Kriterien seines idealen Raumkonzepts dar. In den Bild-Sequenzen und Wand-Deckenbildern manifestiert sich die Entwicklungsgeschichte der bildlichen Recherche von Johannes Deutsch: der malerisch-optische Prozess und die Bilderreservoirs der fotografischen Archive verschmelzen zu einer Raum-Sphäre, in die der Künstler seine Emotionalität, seine kreative Intuition, seine historischen Implikationen und subjektiven Obsessionen einbringt, sie stellen ein pars-pro-toto für seine Weltauffassung dar, die das Machbare auslotet und das Unwägbare anpeilt, die Rationalismen benützt und Phantasmagorien kreiert und die von einem Bilder der Wirklichkeit ausgeht, das in kalkulierten technologischen Prozessen erarbeitet wird und dennoch sinnliche Erfahrbarkeit zulässt.

1 Paul Virilio, u.a. und zuletzt in einem Essay in der Süddeutschen Zeitung, Nr. 165/Juli 2002
2 Reinhard Brandt, Die Wirklichkeit des Bildes, München/Wien, 1999