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Andreas Leikauf

very wild

 GALERIE SCHAFSCHETZY
 12.09. - 18.10.2008

Vernissage: am Donnerstag, 11. September 2008, 19:00 Uhr


Andreas Leikauf
„very wild“
Acryl / Molino
100 x 140 cm

 

Katalog, Andreas Leikauf, how to make money, 2008
Auszug aus dem Katalog-Text:
Martin Behr, Vertraut ihnen nicht
Picasso, ACAB und Krempelmenschentum: Gedanken und weiterführende Überlegungen zu den aktuellen Bildern von Andreas Leikauf.

Was nicht alles vom Aussterben bedroht ist. Die öffentlichen Telefonzelle geht es seit einiger Zeit gar nicht gut, die Schreibmaschine findet bestenfalls noch im Feuilleton ein Plätzchen, Bleistiftspitzer und Blaupapier sind keine Fixpunkte auf dem Bürotisch mehr und die für das Heck des Automobils produzierten Aufkleber verschwinden immer mehr aus dem öffentlichen Bild. Noch in den 70-er Jahren war es in gewissen Kreisen en vogue, die angeblich zweite Haut des (männlichen) Menschen, die Autokarosserie also, mit Pickerln, die Darstellungen und/oder Sprüche aufwiesen, zu bekleben. Basierend auf der barocken Tradition der Emblematik verkündeten Automobilbesitzer mit diesen temporary tattoos der Öffentlichkeit ihre Geisteshaltung, ihren Humor, auch Details aus ihrem intimen Liebesleben. „Kärntner schnackseln besser“, stand da etwa als Überschrift zu einem comichaft gezeichneten, kopulierenden Paar zu lesen. Oder: „Mein Hobby: Bumsen“. Oder: „Hurra! Ich bin schon wieder Erster.“ Jenseits der plakativ-obszönen Mitteilungsbereitschaft wurden auch Aufkleber gesichtet, die der Kaschierung der eigenen (tristen) Finanzlage dienlich waren. Das „Mein anderes Auto ist ein Rolls Royce“-Pickerl fand sich vornehmlich auf gerade noch fahrtüchtigen Rostschüsseln.
Die unüberbrückbare Kluft zwischen der aufgestellten Behauptung und der vermuteten, auf der Hand liegenden Realität sollte Betrachter des Pickerls zum Schmunzeln motivieren. Während die Bedeutung der im dem untersten Trivialbereich angesiedelten Autoaufkleber im Schwinden begriffen ist --  wer will sich schon als derber, kleinbürgerlicher Macho outen?  – greift Andreas Leikauf die Wahlspruchmentalität in seiner Malerei auf. „My other painting is a picasso“ lautet der Titel eines seiner Bilder. Der Schriftzug besteht aus rotumrandeten weißen Lettern, die eine schwarze, nicht näher definierbare Form -- eine Fahne? ein Polster? – beleben, welche wiederum mit dem roten, viereckigen Bildgrund kontrastiert. Leikauf greift die augenzwinkernde Selbstironie der unter der Gürtellinie angesiedelten Botschaften im klassischen Autopickerl auf, indem er einem fiktiven Sammler (oder sich selbst) unterstellt, sich für ein Leikauf-Gemälde rechtfertigen zu müssen. Picasso steht als breitenwirksames Synonym für etwas Hehres und Unerschwingliches, vergleichbar mit dem Rolls Royce. Auch jene, die der Kunst fern stehen, wissen, worum es geht. Der Künstler stapelt tief. Mit Augenzwinkern und mit Retrocharme.

Die Bildtitel von Andreas Leikauf gleichen der Setlist eines Rockkonzerts. Es sind aus der Alltagswelt, aus Pop, TV, Film, Mode, Werbung oder Comic übernommene beziehungsweise adaptierte Formulierungen, die auf den ersten Blick bekannt erscheinen. Die vertraut klingen. Die in die Bilder geschriebenen Worte in englischer Sprache sind stets auch die Titel für das ganze Bild. Häufig werden die Worte, Begriffe und Redewendungen in unspektakulären Großbuchstaben geschrieben, bisweilen verstärkt die Art der gemalten Buchstaben deren Wirkung. Etwa wenn die Tradition aus Horrorfilmen und Gruselromanen übernommen wird und die Buchstaben nach unten hin Rinnspuren aufweisen, was den Charakter des Blutrünstigen verstärken soll. Oder aber ein von Zacken dominierter Schriftstil verstärkt den subkulturellen Charme der innewohnenden Botschaft. Kleinschreibung und Schreibschrift wiederum wählt Leikauf, wenn er seinem Bild eine zeitgeistige, magazinähnliche grafische Titelblattqualität verpassen möchte.
Die Leikauf’schen Slogans stehen zu den Darstellungen in einem direkten, intensiven Bezug. Worte wie Motive sind Versatzstücke aus einer uns umgebenden Bilder-, und Textflut, in die der Künstler abtaucht und ausgewählte Fragmente ans Land bringt, abstrahiert, kombiniert, erweitert und so zu neuen Bedeutungen verbindet. Mit diesem Dialog aus Darstellung und Textbeschreibung steht Leikauf in einer langen österreichischen Tradition, in die sich unter anderem Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Alfred Kubin bis hinauf zu Günter Brus zahlreiche Kunstschaffende eingereiht haben. Die Texte können vielfältig gedeutet werden. Es gibt bloße Beschriftungen des Gezeigten, Sinnspruchartiges, leere Redewendungen, die – in Bezug mit der Malerei gesetzt – doch wieder mit Inhalten gefüllt werden, weiters Handelsanweisungen oder Aufforderungen, dies oder das zu tun, poetische Miniaturen, Trashverulkungen, Ausrufe, Fragestellungen, pathetische Welterklärungsversuche, Feststellungen zur Lage, Einworttitel mit doppeltem Boden und noch vieles andere mehr. Wortrecycling also, welches die aus Zeitungen und Zeitschriften vorgenommene Bilderwiederverwertung auf eine neue Ebene hebt: Platitüden werden entlarvt, Hochglanzbilder beginnen zu kippen, Idyllen wanken und welken, das Gewohnte erhält einen Filter, der verunklärt, das Einfache, Unspektakuläre, das Detail wird aufgeladen. Die Buchstaben und Worte scheinen im Bildraum zu schweben oder sind mit Teilen des Bildes, etwa Zettel, Banderolen, Jacken, T-Shirts, Krawatten oder andere Kleidungsstücke verwoben. Leikauf präsentiert dem Betrachter eine zeitgemäße Emblematik, deren schöner Schein der dargestellten, jugendlichen Personen konterkariert wird. Im Nachhall dieser meist zweifärbigen Bilder schwingt Folgendes mit: traurige Leere und der Rat, nicht leichtgläubig zu sein. Don’t trust them“, könnte ein Bildtitel von Andreas Leikauf lauten.
  
Damit Junkies in öffentlichen Toilettenanlagen ihre Venen nicht oder nur schwer auffinden können, lassen Stadtverwaltungen in größeren Städten intensives Blaulicht montieren. Dadurch verlieren die menschlichen Gefäße, die das Gift aufnehmen sollen, an Kontur. Dominante Farbräume und –Stimmungen prägen auch die Bilder von Andreas Leikauf: leuchtendes Türkis, aufgehelltes Erbsengrün, unterschiedlichste Rot- und Violetttöne, schattiges Braun, blassblau, blassrosa, cremiges Ocker, selten aber doch Weiß, Geld oder ein modisches Orange. Die Dominanz einer Farbe in Kombination mit dem Schwarz der figuralen Darstellung lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, intensiviert die Blickrichtung der BetrachterInnen. Diese Prägnanz mit Hang zur Dramatik erinnert an Groschenroman-Covergestaltungen, beispielsweise an Ausschnitte, Vergrößerungen von Details aus Titelseiten alter Jerry-Cotton-Hefte. Die Liebe zur Trashkultur, zu Underground und Junk wird hier – ebenso wie beispielsweise in Wolfgang Bauers Gedicht „Das Herz“ zitiert: In Ermangelung einiger Dollars/reiße ich wieder einmal mein Herz heraus/ knalle es blutspritzend auf die schwarze Theke/ einer kleinen Bar in Tijuana/ dem Blutbad entweichend/ trinke ich meinen Tequila/ draußen/ höre ich Chet Bakers Flötentrompete rauchig blasen/ mitten aus der Hitze kommt der Ton/ von einer weißen Wolke/ das sind so meine Schießereien (…). Das Grelle, das Sinnliche in der von Leikauf angewandten formalen Ästhetik wird durch eine eigentümliche Ruhe, fast schon Fadesse, die von den dargestellten Personen ausgeht, gemildert. Leikauf zeigt seine Figuren meist im Stadium des Innehalten, des stillen Nachdenkens, der quälenden Selbstzweifel oder in fragender Neugier.

Andreas Leikauf
Geboren 1966 in der Obersteiermark, Österreich.
Studium der Malerei und der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Einzelausstellungen (Auswahl):
2008 Hilger Contemporary, Wien (Katalog); Galerie Schafschetzy, Graz; Anima Gallerí, Reykjavik
2007 Galerie Schuster, Frankfurt
2006 Galerie Davide di Maggio, Berlin; Hilger Contemporary, Wien (mit F. Favelli) (Katalog); GAS Gallery, Torino (Katalog)
2005 Espacio Liquido, Gijon; Galerie Bob Gysin, Zürich
2004 Hilger Contemporary, Wien (mit B. Tragut) (Katalog)
2003 Galerie Binz&Kraemer, Köln (mit S. Weissenbacher); Webster University, Wien
2002 „Hurra!“ Atelier 96, Wien (mit W.Herbst)
2001 „Have a nice day!” artLab, Wien (Katalog); „Meine erste Million” Neue Galerie (Studio), Graz (Katalog)

Beteiligungen (Auswahl):
2008 « Alles ist druckbar » Kunstverein Schallstadt; «Micro-Narratives“ Musée d´Art Moderne, St. Etienne (Katalog)
2007 “Jochen Rindt Memorial“ Stadtmuseum Graz (DVD); “re:place” Bast´art, Bratislava; “Micro-Narratives” Belgrade Cultural Center (Katalog); “Innenraum” Galerie Schafschetzy, Graz; “Werkstadt für Kunstsiebdruck Andreas Stalzer” Karmeliterhof St. Pölten; „Central Europe Revisited 1“ Schloß Esterhazy, Eisenstadt (Katalog)
2006 “Palette” Greenberg van Doren Gallery, New York; “con.text” Galerie Schafschetzy, Graz
2005 “Graphikbiennale Novosibirsk” (Katalog); “Hot Testing” Exit Gallery, Peje / Kosovo (Katalog); “Fun City” Gas Gallery, Torino (Katalog); “Section des tableaux” M&M Gallery, Antwerpen; “Eurostars” galleri s.e. Bergen; “ars pingendi” Neue Galerie Graz
2004 „no risk, no glory” loop, Berlin; “the first show” fuorizona, Macerata; “hollaender, kern, leikauf, petz, wanker“ Galerie Schafschetzy Graz; „No Way to Norway“ galleri s.e Bergen;
2003 „Junge Wiener Kunst“ Galerie Storms, München; „Visuelle Alltagskultur“ Galerie Knoll, Budapest; “First View“ Hilger Contemporary, Wien; “steirischer herbst” Projektraum Viktor Bucher, Wien; „Life is hard...“ Galerie Schafschetzy Graz; „Art Cuts“ Palais Harrach, Wien; „Werkstadt Graz“ Galerie der Stadt Wels
2002 „Werkstadt für Kunstsiebdruck Andreas Stalzer“ Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz; „Semiotic Landscape“ Xawiery Dunikowski Museum, Warschau; „Aus der Mitte“ Mannheimer Kunstverein; „Central“ Stadthaus Ulm; „Central“ MAK Galerija, Sarajevo (Katalog); „Semiotic Landscape“ artLab, Wien (Katalog); „Doubleheart“ Kunsthalle Exnergasse, Wien
2001 „Förderungspreis des Landes Steiermark” Neue Galerie, Graz (Katalog); „Central” Galerie Binz & Krämer, Köln; „Central” Museum Morsbroich, Leverkusen; „Central” Museumsquartier, Wien (Katalog)
„Young Austrian Art” Espace Hilger, Paris