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Secundino Hernández

One More Time Is Good Enough

Galerie Krinzinger
 20.05. - 27.06.2020

Eröffnung: 20. Februar 2020, ab 19:00 Uhr

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One More Time Is Good Enough,2020 acrylic and dye on canvas, 201 x 161 cm

Secundino Hernández’ Ausstellung One More Time Is Good Enough in der Galerie Krinzinger setzt sich aus drei Werkblöcken der letzten drei Jahre zusammen. Sie zeigen ein vielfältiges Spektrum innerhalb seiner abstrakten Malerei – opulent, farbig, expressionistisch bis hin zu monochrom, asketisch minimalistisch. In den Siebdruckarbeiten auf braunem Karton von 2020 flottieren informelle Formenkomplexe auf der Bildfläche, die den Arbeitsprozess in sich tragen; sie markieren die grafische Aktion des Künstlers. Diese Spuren, die sich zu Formen und Zeichen kompakt verdichten, sind schroff gesetzt, sie erinnern an Strukturen eines Holzschnittes, wenn der Künstler das widerständige Holz mit Hohleisen, Messer oder maschinell betriebener Fräse verletzt. Wie auch im Weißlinienschnitt des Hochdruckverfahrens im Holzschnitt bleiben hier im flachen Siebdruck die behandelten Stellen unbedruckt, nehmen also keine Druckerfarbe an, sondern werden in diesem Fall vom braunen Karton als Bildträger aufgenommen. Die Negativstellen werden zu den abstrakten Markierungen und Zeichen innerhalb der Bildkomposition. Das subtrahierende Verfahren, das Wegnehmen, Ausschneiden, Ausradieren, Abwaschen ist häufig in Hernández’ künstlerischem Prozess anzutreffen. So ist dieses Vorgehen auch in den beiden weiteren Werkzyklen der Ausstellung immanent. Wie auch in den Siebdrucken dominiert der schwarze Bildgrund in den Gemälden, die 2020 entstanden sind. Anstelle der farbneutralen Negativformen erfüllt nun malerisch koloristische Opulenz das Textil. Pinselstriche, Farbkleckse besiedeln den Bildträger im All Over-Charakter; ein informelles Farbenmosaik aus malerischen Entladungen. Sie funkeln fahl wie verschmutzte Edelsteine aus dem schwarzen Grund heraus, bzw. hat sie der Künstler aus der abdunkelnden schwarzen Farbkruste durch Abwaschen freigelegt.

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Untitled,2018 rabbit skin glue, chalk, CC, titanium white pigment on canvas, 300 x 240 cm

Die dritte Bilder-Gruppe zählt zu den Arbeiten der Wash Paintings, ein Werkkorpus, den der Künstler bereits 2016 begonnen hat. Nach dem malerischen Prozess attackiert Hernández die Leinwand mit einem Hochdruckreiniger und wäscht ihre ursprüngliche malerische Haut. Was dann noch bleibt, bleibt für immer. Diese große aggressive Geste führt zu einer Entschlackung des Bildes. Das Tafelbild wird jedoch nicht zerstört, ermordet, wie es im Unterschied sein spanischer Landsmann Joan Miró mit seinen Toiles Brulees in den 1970er-Jahren intendiert hatte. Miró setzte die Malerei in Brand, bzw. zerschlitzte sie mit dem Messer. Bei Hernández ist es mehr ein aquatisches Abhäuten, ein Subtraktionsprozess, aus dem aber wiederum reine Malerei resultiert. Denken wir etwa vergleichsweise an die Nouveau Realisten, wie Mimmo Rotella und Raymond Hains, die Plakatwände decollagierten und daraus malerisch strukturierten Kompositionen schufen. Die neuen Wash Paintings zeugen von einer gereinigten Kraft, ihr Skelett ist gleichsam freigelegt worden, das sich im grafischen Netz der Vertikalen und Diagonalen manifestiert. Es sind keine gezeichneten oder gemalten, sondern physisch-organische Linien, die aus Nähten bestehen. Der Künstler hatte den Körper der Leinwand in mehrere Teile auseinandergeschnitten und nachträglich fein zusammennähen lassen. Ein prismatisches Bildfeld entsteht, dass einen komplex gebrochenen Bildraum entfalten lässt. Dieser Raum ist kein von der Wirklichkeit abgeleiteter, sondern ein abstrakt bildimmanenter, vergleichbar mit dem gebrochenen Raumsystemen im analytischen Kubismus, wobei bei Hernandez im Unterschied zu Picasso kein Bildgegenstand wie Krug oder Figur verankert ist, um den die Räumlichkeit aufgebaut wird. Picasso hat den Spiegel der Wirklichkeit zersplittert, Hernandez häutet mittels Abwaschen den Körper Malerei und legt die Knochen und den inneren Raum des abstrakten Tafelbildes frei. Dieser abstrakte Raum – gegliedert durch die grafischen Strukturen – ist aber stets an die faktische Natur der Malerei gebunden, an ihre Fläche. Ein ähnliches Verhältnis zwischen Linie/Gerüst und Fläche/Raum ist bei Piet Mondrians orthogonalen neoplastizistischen Kompositionen sowie den minimalistischen Rasterbildern von Agnes Martin oder Brice Marden zu erkennen. Bezogen auf die malerische Fläche gilt der Leitsatz nach Robert Ryman: „Was das Gemälde ist, ist genau das, was man sieht.“ Das Bild besteht schlicht aus den Materialien wie Träger (Leinwand, Papier) und aufgetragener Farbe. Jeglicher Illusionismus wird zugunsten der faktischen Zweidimensionalität und malerischer Faktur unterbunden. Ryman hat sich aus Gründen der Neutralisierung auf die Nichtfarbe Weiß reduziert, die er behutsam auf das Textil der Leinwand oder ein anderes Trägermaterial des quadratischen Malereigrunds mit dem Pinsel aufträgt. So ist auch in Hernandez’ aktuellen weißen Wash Paintings dieser Ryman’sche Malereiaspekt evident. An manchen Stellen kommt die unbehandelte Leinwand hervor; das Gemälde ähnelt einem Mauerwerk, auf dem sich der Verputz gelöst hat. Das streng Minimalistische wird durch das Ruinöse relativiert. Man denke hierbei auch an Jean Dubuffet Mauer- Bilder. Die aktuellen dunklen Wash Paintings mit Grau-, Taubenblau- und Schwarztönen bilden das nächtliche Alter Ego zu den lichten weißen Bildern. Sie entwickeln eine schwarzromantische Atmosphäre, wie ein Schleier, der in eine transzendente Welt fließend geleitet. Wie auch die weißen Arbeiten sind sie vertikal ausgerichtet, strukturiert in den vermehrt senkrecht zusammengenähten Leinwandbahnen. Diese Bilder basieren auf einem dualistischen Moment von Destruktion und Konstruktion. Der Künstler verweigert hierbei die rein schöpferische Handschrift in Form der aufgeladenen Geste – als loaded brushstroke im Abstrakten Expressionismus manifest – und greift mit dem Hochdruckreiniger zu einem zerstörerischen und mehr auf dem Zufall basierenden Werkzeug, das seine zuvor gesetzten malerischen Spuren vernichtet, und schafft daraus ein neues Bild. Auch Jackson Pollock operierte mit dem geplanten Zufall in seinen Drip Paintings, indem er in einer gewissen Distanz zur Leinwand Lacke auf sie tropfte, im Unterschied zu Pinsel und Stift, die viel gesteuerter mit direktem Kontakt zum Bildträger eingesetzt werden können.

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Untitled,2018 rabbit skin glue, chalk, CC, titanium white pigment and dye on canvas, 300 x 240 cm

2007 stellte bereits Secundino Hernández das erste Mal in der Galerie Krinzinger aus, damals wurde er im Rahmen von Artist in Residence nach Wien eingeladen und präsentierte seine Gemälde in den Räumen der Krinzinger Projekte. Im Unterschied zu den rezenten abstrakten Arbeiten waren die damaligen Bilder stark figurativ geprägt, jedoch nicht im klassischen Sinne als Porträts oder realitätsbezogene menschliche Darstellungen, sondern figurative Kürzel wie Hände, Füße und Köpfe wuchsen aus informellen malerischen Flächen heraus. Groteske Anomalien entstanden, Persiflagen der surrealistischen Ecriture Automatique, karikierende Cadavre Exquis. Um 2010 löste sich das figurativ-abstrakt hybride System auf zugunsten eines mehr abstrakt kalligrafisch gestisch freien Zirkulierens und Schwebens auf dem Bildgrund, bei der sich Zeichnung und Malerei miteinander verbanden: grafische Kürzel, Kritzel mit Farbpatzern und Pinselstrichen. Sie allesamt ergaben ein quirlig dynamisches Flottieren im Bildraum. Manchmal wurden noch figurative Rudimente, comicartige Reste abgelagert. Fettglänzend schwarze Spuren wirken wie mit dem Filzstift gezeichnet, sie sitzen regelrecht auf der Oberfläche des Bildes, während die fein gezogenen Linien, Farbflecken und Pinselstriche in den Bildraum drängen. Die Ansammlung der zahlreichen Spuren und Formenkomplexe ähneln einer chosmischen Explosion im galaktischen Raum, die Malerei ist von der Gravitation entbunden, kennt keinen landschaftlichen Horizont mehr. Ausnahme ist ein größerer Werkblock von 2012/13, indem der Künstler noch strenge horizontale Farbstreifen eingezogen und somit den Bildern eine landschaftliche Dimension verliehen hat. Eines dieser kosmisch-dynamischen Bildraumkompositionen wurde in der Ausstellung Abstract Painting Now! in der Kunsthalle Krems 2017 präsentiert. Die Schau skizzierte einen Überblick der aktuellen internationalen Situation der ungegenständlichen Malerei. Das großangelegte Spektrum reichte von minimalistisch konstruktiven, über ornamentale bis hin zu gestisch prozessualen Positionen. Zeitlich umfasste die Ausstellung die 1970er-Jahre mit Gerhard Richter und Sigmar Polke begonnen bis hin zur aktuellen Generation mit Katharina Grosse und eben Secundino Hernández. Im Jahr zuvor traf ich erstmals auf ein Gemälde des spanischen Künstlers. Auf der Vienna Contemporary 2016 zeigte die Galerie Krinzinger ein opak-graues Bild mit informellen Spuren. In der Folge tauchte ich in Secundino Hernández malerischen Kosmos ein, der ein schillerndes Kaleidoskop der abstrakten Praxis darstellt. Grafisch-malerisch, pastos-reduziert, räumlich-flächig, hell-dunkel, Haut und Knochen, Destruktion und Konstruktion, Zufall und Planung, emotional sinnlich und kühlminimalistisch.
Florian Steininger

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Untitled,2020 iron nitrate patina on aluminium, 21 x 16 cm