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Veronika Dirnhofer

Fliehkraft


 GALERIE FREY
 21.03. - 27.05.2007

 

Vernissage.: am Dienstag, den 20. März 2007, um 19.00 Uhr


Malerei, die sich vom Bild emanzipiert.

Man kann malen, weil man Bilder im Kopf hat und diese auf Leinwand bringen will, um dann auch sehen zu können, was davor allein der Vorstellung vorbehalten war. In diesem Falle eilen die Bilder der Malerei voraus, die gelernt sein will, um der Vorstellung möglichst nahe zu kommen. Aus dieser Perspektive erscheint die Malerei als Handwerk, das dem Imaginären zu Diensten steht. Was dann als Gemälde erscheint, ist wesentlich die mediale Übersetzung eines imaginären Bildes in manifeste Gegenwart. Man kann aber auch malen, weil man gerade kein vorab gedachtes Bild im Kopf hat und das Malen als Prozess betrachtet, in dessen Verlauf Bilder und Vorstellungen möglicher Bilder entstehen können. In diesem Fall sind die Bilder erst das Produkt einer Malerei, die den Bildern als Form des Denkens schon vorauseilt. Was dann als Bild erscheint, ist die manifeste Form eines Entscheidungsprozesses. Wählt man den Weg einer Malerei, die den Bildern vorauseilt, sind die Bilder nur zeugen einer Spur der Malerei, die in den Bildern allein das Material erkennt, aus dem sich weitere Vorstellungen generieren lassen. In diesem Fall sind die Bilder bloße Markierungen einer Vorstellung von Malerei, die weniger nach einem bestimmten Bild sucht, sondern wesentlich nach den Handlungsspielräumen der Malerei selbst. Man malt um des Malens willen. Mit der sprachlich verwandten Figur einer Kunst um der Kunst willen, hat dies wenig zu tun – im Gegenteil: Die im Zuge der Moderne ausgerufene Kunst um der Kunst willen basierte auf einem emanzipativen Gestus, der sich frei wähnte von gesellschaftlichen Vorstellungen und Erwartungshaltungen von der Kunst. Kunst um der Kunst willen plädierte für eine Autonomie der Kunst, die sich allein ihre Regeln und Kriterien bilden sollte, um sich frei und unabhängig von der Gesellschaft entwickeln zu können. Malen um des Malens willen verfolgt dagegen eine andere Vorstellung von Kunst. Malen um des Malens willen konzentriert sich auf einen gestalterischen Prozess, der in der Lage ist, sich auf alle Einflüsse einzulassen, die sich ins Bewusstsein schieben. Malen um des Malens willen bedeutet allein, diese Einflüsse malerisch zu erkennen und umzusetzen. Was dann als Bild erscheint, ist das Ergebnis einer integrativen Leistung – ein Bild, das weder so vorgestellt noch geplant war, sondern Schritt für Schritt im Dialog mit dem Malen um des Malens willen entsteht. Die Tatsache, dass eine Malerin wie Veronika Dirnhofer bei ihrer Arbeit an mehreren Bildern gleichzeitig malt, diese wieder hervorholt und weiter bearbeitet, sie wieder zurückstellt, um an anderen weiter zu malen, bestätigt diese These. die Beobachtung, dass die Bilder von Veronika Dirnhofer je in der Lage waren und sind, ihre persönlichen Lebensumstände in autobiografischer Manier miteinzubeziehen, bestätigt die integrative Perspektive einer Malerei um der Malerei willen. Motive, die ihre Rolle als Mutter mit Kind und Familie reflektieren haben genauso Bedeutung wie ihre Inszenierungen körperlicher Vorstellungen im Kontext einer feministischen Agenda. Ihre Bilder sind in der Lage, die absurden Festschreibungen weiblicher Identitäten genauso zu notieren wie die Intimität einer körpersprachlichen Welt. In diesem Sinne ist dem Malen um des Malens willen das Motiv und gesellschaftliche Engagement nicht fremd. Nur der Kern des Interesses liegt zugleich in einer Sprache der Malerei, die ihre Aufgabe darin sieht, sich als Sprache und damit als Form der Auseinandersetzung mit der Realität weiter zu entwickeln, um auch über Dinge reden zu können, die sich nicht in Worte fassen lassen. Dieser Malerei gelingt es, aus dem Argument des Malens heraus Beziehungen zwischen Motiven und Räumen herzustellen – seien sie imaginärer oder beobachteter Natur, die ihre Legitimität allein aus der visuellen Leistung beziehen. Und diese Visualität ist das eigentliche Thema eines Malens um des Malens willen. Diese Visualität wendet sich an einen Blick, der sich in der Lage sieht, Spuren, Vorstellungen und Eindrücke miteinander in Beziehung zu setzen, die in keiner anderen Sprache möglich wären ohne nicht im selben Atemzug allein für irrational oder widersinnig gehalten zu wären. In dieser Konstruktion von Sinn ist das Malen unvergleichlich. Die Bilder beschreiben nur die Spuren dieser Konstruktionen von Sinn, der sich manchmal erlaubt, sich nicht nur von Bild zu Bild zu verändern, sondern sich bisweilen sogar vom Bild verabschiedet. Veronika Dirnhofer folgt einer Malerei, für die die Grenzen der Malerei nicht mit den Grenzen eines Bildes ident sein müssen. Wenn auch das Bild am Bildrand endet, so bedeutet dies für das Malen um des Malens willen nicht, auch dort innezuhalten. Nicht selten malt Veronika Dirnhofer buchstäblich jenseits des Bildes weiter, an den Wänden oder Gegenständen, die dem Malen auch dann noch Flächen und Handlungsspielräume bieten, wo das Bild schon längst zurückgelassen wurde. Aus dieser Perspektive arbeitet das Malen um des Malens willen an einer Kartografie der Realität, die malerisch erkundet und beschrieben werden will. Paradox erscheint vielleicht das Argument, dass diese kartografische Malerei dem Raum vorauseilt, den sie zu beschreiben sucht. Wie sie Bilder hervorbringt, die sie nur über den Weg des Malens finden konnte, verlässt sie diese auf dem gleichen Weg, um eine Realität sichtbar werden zu lassen, die nur durch den Blick existiert, der bereit ist, dem Malen selbst zu folgen – und sei es dem bloßen Gedanken an die Malerei.