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Etwas kleines machen.
Dass die von Deborah Sengl für ihre Pornoarbeiten verwendeten
Steckperlen, die ein bekanntes schwedisches Unternehmen produziert,
den Produktnamen PYSSLA tragen, kann als glücklicher Zufall
gelten. Pyssla ist schwedisch und heisst zu deutsch "etwas
kleines machen" - und hiermit wird gleich auf eine der wesentlichen
künstlerischen Strategien von Sengl verwiesen: gemeinhin als
weiblich betrachtete, "kleine" Tätigkeiten wie Sticken,
Nähen oder eben Perlen stecken verwendet die Künstlerin
um mit ihnen Arbeiten zu schaffen, die genau an der Schnittstelle
von weiblich zu männlich und umgekehrt ansetzen. Pornographie:
noch immer ein in erster Linie für Männer geschaffenes
Medium, in dem Frauen (zumindest im heterosexuellen Kontext) zwar
die Hauptrolle spielen was jedoch in keinster Weise bedeutet,
dass sie auch die Kontrolle über die entstandenen Bilder und
vermittelten Lüste und Begierden hätten. Immer wieder
haben sich Künstlerinnen diese Bilder angeeignet, sie oftmals
zweckentfremdet, um dadurch - stellvertretend für ihre Geschlechtsgenossinnen
- ein gewisses Mass an (symbolischer) Kontrolle über die Blicke
und die Richtungen der Blicke zu erreichen. Sengl verwendet für
diese Arbeiten inSexversandkatalogen gefundenes Bildmaterial; die
von ihr verwendete Perlentechnik erlaubt keine sehr nuancierte Darstellung
der beteiligten Personen und ihrer Tätigkeiten. Der Blick wird
daher - eher unelegant - auf das gelenkt, was diese Bilder ausmachen:
die freundlicherweise zur Schau gestellten Schwänze, Titten
und Mösen (ein zweiter glücklicher Zufall, dass es von
Pyssla nicht weit zu Pussy ist ?). Sengl enthält sich jeden
Kommentars innerhalb der Bilder, so dass diese zwischen der Pro-Porno-Position
der amerikanischen Künstlerin Annie Sprinkle ("Let there
be pleasure on earth and let it begin with me") und einer feministischen
Pornographiekritik im Sinne von Andrea Dworkin oder auch Alice Schwarzer
hin- und herschwenken. Die die Bilder umfassenden Goldrahmen von
geradezu brutaler Scheusslichkeit verweisen auf das kleinbürgerliche
Idyll, für dessen Fortbestand die sich in den Goldrahmen üblicherweise
befindlichen Darstellungen einer heilen, romantischen und ungefährdeten
Welt unabdingbar scheinen. In dieser Welt befinden sich die Kataloge
des Sexversands wie natürlich alle wissen - unter der
Matraze, den Unterhemden oder in der Werkzeugkiste und die sich
in falscher Sicherheit wiegenden Konsumenten glauben tatsächlich,
wir wüssten nicht um ihre kleinen Freuden.
Auch die singenden Fische, die Sengl in einer zweiten Werkgruppe
bearbeitet, sind eher im kleinbürgerlichen Idyll angesiedelt
und sie ergänzen die röhrenden Hirsche in den falschen
Barockrahmen aufs trefflichste, bringen sogar noch etwas modernes
Flair in die Stube. Sengl konterkariert die Sucht nach Normalität
indem sie die Fische auf absurde Weise kostümiert, ihnen eine
falsche Identität anzieht, der sich die Tiere nicht entziehen
können (wie auch?). So wird die Forelle zum Topflappenhummer,
der Karpfen zum Lederfrosch werden die Tier nur getarnt oder
wird versucht, ihnen eine neue Identität zu geben? Identität:
eins der Lieblingsthemen der zeitgenössischen Kunst. Selten
jedoch wird es anhand von Tieren verhandelt eigentlich steht
fast immer die Identität einer menschlichen Minderheit im Blickpunkt
des künstlerischen Interesses (dass Frauen oftmals hierzu gezählt
werden, ist äusserst beschämend, zeigt wie bestimmend
der männlich gefärbte Heterosexismus noch immer für
unser aller Leben ist). In Sengls Ertarn Serie werden die Fragen
nach Identität, aber auch nach Camouflage, Pastiche und Maskerade
auf das Tierreich übertragen, gleichzeitig wird der gesamte
Komplex Opfer gegenTäter untersucht. "Das Schaf - als
Opfer - ertarnt sich seinen Täter" wie sieht das
aus, wenn man sich jemanden ertarnt? Der Wolf, der Täter, schaut
ziemlich schlapp aus, wie er so auf seinem Opfer festgeschnallt
ist. Hat das Opfer durch seine Tarnung den Täter zur Strecke
gebracht? "Die Schlange als Räuber ertarnt
sich die begehrte Beute" hier sieht der Täter,
die Schlange noch ganz intakt aus, während die Beute flachgedrückt
ihren Räuber umklammert. Opfer/Täter - alles das gleiche?
Matthias Herrmann
Es erscheint ein Katalog.
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