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Deborah Sengl

"Ertarnungen"

 KUNSTHANDEL FEICHTNER &
 MIZRAHI

 23. 11. - 22. 12. 2001

 

Vernissage: 22. November 2001
Zur Eröffnung spricht Dr. Paul Ferstl


Etwas kleines machen.

Dass die von Deborah Sengl für ihre Pornoarbeiten verwendeten Steckperlen, die ein bekanntes schwedisches Unternehmen produziert, den Produktnamen PYSSLA tragen, kann als glücklicher Zufall gelten. Pyssla ist schwedisch und heisst zu deutsch "etwas kleines machen" - und hiermit wird gleich auf eine der wesentlichen künstlerischen Strategien von Sengl verwiesen: gemeinhin als weiblich betrachtete, "kleine" Tätigkeiten wie Sticken, Nähen oder eben Perlen stecken verwendet die Künstlerin um mit ihnen Arbeiten zu schaffen, die genau an der Schnittstelle von weiblich zu männlich und umgekehrt ansetzen. Pornographie: noch immer ein in erster Linie für Männer geschaffenes Medium, in dem Frauen (zumindest im heterosexuellen Kontext) zwar die Hauptrolle spielen – was jedoch in keinster Weise bedeutet, dass sie auch die Kontrolle über die entstandenen Bilder und vermittelten Lüste und Begierden hätten. Immer wieder haben sich Künstlerinnen diese Bilder angeeignet, sie oftmals zweckentfremdet, um dadurch - stellvertretend für ihre Geschlechtsgenossinnen - ein gewisses Mass an (symbolischer) Kontrolle über die Blicke und die Richtungen der Blicke zu erreichen. Sengl verwendet für diese Arbeiten inSexversandkatalogen gefundenes Bildmaterial; die von ihr verwendete Perlentechnik erlaubt keine sehr nuancierte Darstellung der beteiligten Personen und ihrer Tätigkeiten. Der Blick wird daher - eher unelegant - auf das gelenkt, was diese Bilder ausmachen: die freundlicherweise zur Schau gestellten Schwänze, Titten und Mösen (ein zweiter glücklicher Zufall, dass es von Pyssla nicht weit zu Pussy ist ?). Sengl enthält sich jeden Kommentars innerhalb der Bilder, so dass diese zwischen der Pro-Porno-Position der amerikanischen Künstlerin Annie Sprinkle ("Let there be pleasure on earth and let it begin with me") und einer feministischen Pornographiekritik im Sinne von Andrea Dworkin oder auch Alice Schwarzer hin- und herschwenken. Die die Bilder umfassenden Goldrahmen von geradezu brutaler Scheusslichkeit verweisen auf das kleinbürgerliche Idyll, für dessen Fortbestand die sich in den Goldrahmen üblicherweise befindlichen Darstellungen einer heilen, romantischen und ungefährdeten Welt unabdingbar scheinen. In dieser Welt befinden sich die Kataloge des Sexversands – wie natürlich alle wissen - unter der Matraze, den Unterhemden oder in der Werkzeugkiste und die sich in falscher Sicherheit wiegenden Konsumenten glauben tatsächlich, wir wüssten nicht um ihre kleinen Freuden.

Auch die singenden Fische, die Sengl in einer zweiten Werkgruppe bearbeitet, sind eher im kleinbürgerlichen Idyll angesiedelt – und sie ergänzen die röhrenden Hirsche in den falschen Barockrahmen aufs trefflichste, bringen sogar noch etwas modernes Flair in die Stube. Sengl konterkariert die Sucht nach Normalität indem sie die Fische auf absurde Weise kostümiert, ihnen eine falsche Identität anzieht, der sich die Tiere nicht entziehen können (wie auch?). So wird die Forelle zum Topflappenhummer, der Karpfen zum Lederfrosch – werden die Tier nur getarnt oder wird versucht, ihnen eine neue Identität zu geben? Identität: eins der Lieblingsthemen der zeitgenössischen Kunst. Selten jedoch wird es anhand von Tieren verhandelt – eigentlich steht fast immer die Identität einer menschlichen Minderheit im Blickpunkt des künstlerischen Interesses (dass Frauen oftmals hierzu gezählt werden, ist äusserst beschämend, zeigt wie bestimmend der männlich gefärbte Heterosexismus noch immer für unser aller Leben ist). In Sengls Ertarn Serie werden die Fragen nach Identität, aber auch nach Camouflage, Pastiche und Maskerade auf das Tierreich übertragen, gleichzeitig wird der gesamte Komplex Opfer gegenTäter untersucht. "Das Schaf - als Opfer - ertarnt sich seinen Täter" – wie sieht das aus, wenn man sich jemanden ertarnt? Der Wolf, der Täter, schaut ziemlich schlapp aus, wie er so auf seinem Opfer festgeschnallt ist. Hat das Opfer durch seine Tarnung den Täter zur Strecke gebracht? "Die Schlange – als Räuber – ertarnt sich die begehrte Beute" – hier sieht der Täter, die Schlange noch ganz intakt aus, während die Beute flachgedrückt ihren Räuber umklammert. Opfer/Täter - alles das gleiche?

Matthias Herrmann

 

Es erscheint ein Katalog.