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Er nannte sich "Hofmaler von "Österreich, Italien und Siam", auch "lachender Philosoph", war Pazifist und zeichnete unermüdlich. Josef Karl Rädler (1844-1917) war ein Schwieriger und ein Nachdenklicher. Und er war in der modernsten Irrenanstalt seiner Zeit untergebracht. Fünfzig Jahre nach seinem Tod wurden seine Bilder vom Müll gerettet. 1994 begann die Wiederentdeckung Rädlers.
Josef Karl Rädler wurde 1844 im böhmischen Falkenau geboren. Er war Porzellanmaler in Wien, hatte einen eigenen Betrieb, war in hohen Kreisen sehr geschätzt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Auf Betreiben seiner Familie wurde Rädler zunächst ab 1893 in der privaten Irrenanstalt Lainz aufgenommen, dann in das Wiener Irrenhaus (Pilgerhain) eingewiesen und unter Kuratel gestellt. 1905 kam Rädler in eine Anstalt nach Mauer Öhling, wo er bis zu seinem Tod 1917 hospitalisiert war. Anlass für diese Einweisungen waren laut Familie heftige Erregungszustände, Stimmungsschwankungen von Größenwahn bis zum Kleinmut, geschäftsschädigendes und unberechenbares Verhalten, Prozessierwut u.a.m. Zunächst als eine "zirkuläre Psychose mit manischen Erregungszuständen" diagnostiziert, finden sich in späteren Krankenakten nur mehr Hinweise auf eine "secundäre Demenz" - was immer das hieß, und auf epileptische Anfälle in seinem letzten Lebensjahr.
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Rädler war ein Einzelgänger. Er wies laut Befund von 1893 "keinerlei psychische Abnormitäten" auf, hatte aber Wesensveränderungen, die seiner Familie und seinem Umfeld in den Anstalten zu schaffen machten, da er "mürrisch, läppisch, überheblich und eigensinnig war". Dazu kam eine gewisse "geistige Abschwächung". Rädler trug gerne weise Lehren über eine vernunftgemäße Lebensweise vor, wobei er oft spöttisch belächelt wurde. Er lebte 24 Jahren in Anstalten. Malen und zeichnen halfen im zu leben.
Das Milieu der Anstalten
Rädler begann um 1897 im Wiener "Pilgerhain" aus eigenem Antrieb, ohne Zutun der Ärzte, auf Papier mit Aquarellfarben und Tempera, farbigen Tinten und Tuschen zu malen und zu zeichnen. Die meisten Bilder sind auf beiden Seiten bemalt, Vorder- und Rückseite oft in verschiedenen Jahren ausgeführt. Sie sind datiert und signiert, von Postkartengröße bis zum Format 30 x 40 cm, viele mit einem mit Phantasiepreis (bis 3000 Kronen) versehen (dann um eine Krone verkauft). Typisch für Rädler sind die Kombination von figuraler Malerei und ornamentalen Textbildern (Rückseiten), umgeben von vielen gezeichneten Rahmungen, durchgestaltet bis an den Rand. Themen seiner Bilder sind die Menschen in der Anstalt und ihr Milieu, auch Tiere und Landschaften, diese gerne mit Sonnenauf- und -untergängen. Eine gewisse Naivität im Stil und die sorgfältige Gestaltung bis ins kleinste Detail sind wohl auf seine frühere Tätigkeit als Porzellanmaler zurück zu führen.
Neben der künstlerischen haben die Bilder auch einen medizingeschichtlichen und historischen Wert. Sie zeigen, wie ein Patient zu Beginn des letzten Jahrhunderts Anstalten sah, erlebte und dokumentierte.
Der "lachende Philosoph"
"Alle seine Bilder schmückt er in seiner Tendenz mit Lehrsprüchen", heißt es in der Krankengeschichte Rädlers. Rädler, der sich für einen großen Künstler hielt, legt sich den Titel eines "Hofmalers von Österreich, Siam und Italien" zu, sieht sich als "Poet", als "lachender Philosoph", "Mitreformator" und "Menschheitsapostel". Seine Texte, oft gereimt, sind als Botschaften von dieser Haltung geprägt. Sie äußern sich spöttisch über seine Mitpatienten, reden von Moral, predigen Frieden, fordern gleiche Rechte für die Frauen und zeigen einen überkritischen aber auch engagierten und mitfühlenden Menschen. Rädler in einer Zeichnung: "war immer Pacifist / Schaut her, welch' schöner Pfad es ist /als lachender Philosoph".
Für ein Malerauge herrlich
12 Jahre, von 1905 bis 1917, verbrachte Rädler in der "Kaiser-Franz-Joseph Landes- Heil- u. Pflegeanstalt Mauer Öhling". Die Anstalt war von Carlo von Boog entworfen worden. Sie gilt als das bedeutendste Jugendstilensemble in Niederösterreich. Von Boog orientierte sich bei seinem Projekt an neuen und fast revolutionären medizinischen Behandlungs- und Betreuungsmethoden im psychiatrischen Bereich. Die Anstalt mit ihren 40 Objekten, darunter 19 Pavillons, galt damals als modernste und "eine der besten Irrenanstalten" und wurde von Fachleuten aus ganz Europa besucht. Nach der Eröffnung 1902 schrieb Kaiser Franz Joseph an Katharina Schratt:"...alles zum Besten der Narren. Es muss ein Hochgenuss sein, dort eingesperrt zu sein. "
Rädler kam das offene Konzept der Anstalt zu gute. Er hatte größtmögliche Freiheit und konnte seine künstlerische Tätigkeit, zwar nicht geschätzt, aber frei entfalten. "Für ein Malerauge herrlich", wie Rädler 1905 meinte.
Aus dem Müll gerettet
Es war Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts als im Zuge von Renovierungsarbeiten in Mauer-Öhling an die 400 Arbeiten von Rädler auf den Müll geworfen und nur per Zufall gerettet wurden. Das, was schon zu seinen Lebzeiten von den Ärzten mit Geringschätzung, als "geistlos" und nur als ein psychopathologisches Phänomen angesehen wurde und das Werk, das man fünfzig Jahre nach seinem Tod als "Kehricht" wegwarf, gehört heute zu den aufregenden und begehrten, sehr frühen Arbeiten und Dokumenten der Kunst von Außenseitern.
Rädlers Werke wurden bisher drei Mal präsentiert. Das Niederösterreichische Landesmuseum zeigte 1994 eine Einzelausstellung. Das Katalogbuch von Prof. Dr.Dr. Leo Navratil (1921-2006), der Zugang zur Krankengeschichte Rädlers hatte, ist die maßgebliche Literatur über Rädler. Primar Navratil erforschte in der Landesnervenklinik in Maria Gugging bei Klosterneuburg die Zusammenhänge von kreativen und psychotischen Prozessen. Er befasste sich als Erster mit dem Werk Rädlers, das er als "radikal und authentisch" einstufte. Navratils Lebenswerk galt den Künstlern aus Gugging, die es dank seiner Schriften und seinem Einsatz später zu Weltruhm brachten. Zwei weitere Ausstellungen in London (2009) und im Wien Museum (2010) zum Thema "Kunst und Wahn in Wien um 1900" widmeten sich ausführlich dem Werk und dem geistesgeschichtlichen Umfeld Rädlers (Katalog Wien Museum). Neueste Architekturforschung zur Anstalt in Mauer-Öhling bietet eine Dissertation von Hofrat DI Dr. Peter H. Kunert, eingereicht an der Technischen Universität Graz (2010).
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Eine Hommage in Salzburg
Die Ausstellung in unserer Galerie ist als Hommage an den "Hofmaler von Österreich Siam und Italien" gedacht. Rädlers Arbeiten werden gegenübergestellt: Werke der Künstler aus Gugging, Skulpturen des Wiener Außenseiters Kurt Hüpfner (Jg. 1930), Bilder von Ernst Schmid aus Gmunden, der in seinem Werk versucht, die Welt zu ordnen, geheimnisvolle Stenografien des Salzburger Künstlers N.N. und die gesellschaftskritischen Ansagen von Erich Prager, ausgedrückt in seinen Bildern mit Menschenmengen und Massen.
Eine hochkarätige Auswahl von Werken der Art Brut aus einem Zeitraum von mehr als 100 Jahren.
Text: Ferdinand Altnöder 2010 |